YouTube, Wikipedia, Blogs, Podcasts — das so genannte Web 2.0 ist schon allgegenwärtig. Da war es für die Werbeagentur Buena la Vista an der Zeit einen Vortrag mit Podiumsdiskussion über das Thema „Marketing mit Web 2.0″ zu veranstalten.
Da bin ich natürlich als Blogger und freiberuflicher Webdesigner in doppelter Hinsicht angesprochen. Und darum bin ich gestern durch den Nebel des Grauens in die Zellerau zum neuen Vogel Convention Center gelaufen, was ziemlich gruselig war (der Nebel, nicht das Center). Von der Arbeit ziemlich geschafft habe ich mir erst mal einen leckeres Glas Riesling gegönnt, das ich gleich an das Glas des Geburtstagskindes Phil stoßen durfte. Und Luzi gesellte sich auch dazu. Die Räume waren erst recht mäßig gefüllt, was ein Reisebus mit Studenten der FH Mannheim schnell änderte.
Der Vortrag über das Web 2.0 wurde von Patrick „Werbeblogger” Breitenbach gehalten, freier Mitarbeiter bei Buena la Vista. Und ich muss offen gestehen — ich habe mich gelangweilt. Nicht das Patrick ein schlechter Redner wäre, aber er erzählte im Großen und Ganzen nur, was es für Anwendungen von Web 2.0 gibt. Von YouTube, Weblogs, Podcasts, Wikis, etc. Als Einführung im Prinzip nicht schlecht, aber das Publikum setzte sich meines Erachtens zum großen Teil aus Leuten zusammen, die diese Dinge direkt oder über diverse Medien kennen. Vielleicht war die eigentliche Zielgruppe die Welt der unwissende Geschäftsführer von Firmen, also potenzielle Kunden von Buena la Vista als Werbeagentur. Was an und für sich nicht schlimm ist, aber dann hätten die Veranstalter das doch auch schon so bei der Einladung zu diesem Abend vermitteln sollen.
Auch kam der Vortrag bei mir so an, als wolle er das Web 2.0 als das messianische Medium anpreisen. Mit Web 2.0 wird alles gut. Inhalte kategorisieren (taggen) und sie werden sofort gefunden. Ein Firmen-Blog aufziehen und ich gründe eine glückliche Familie mit meinen Kunden. Ein Wiki zu einem Produkt aufsetzten und die Bedienungsanleitung und die Supportfunktion dafür schafft sich von selbst.
Das Web 2.0 (wobei ich immer noch nicht sagen kann, was damit genau gemeint ist) ist sicher keine schlechte Sache. Noch immer steckt die Technik letztendlich in den Kinderschuhen und der Überraschungsfaktor Mensch spielt in jeder Hinsicht eine immense Rolle.
Der Vortrag ging über in eine Diskussion mit Podium, an dem Veruschka Götz (Dozentin an der FH Mannheim), Rainer Thome (Professor für Wirtschaftinformatik an der Uni Würzburg und mit noch vielen weiteren Posten in Wirtschaft und Politik), Peter Tischler (Geschäftsführer der Main Media GmbH) und nochmal Patrick Breitenbach.
Thematisch war auch bei der Diskussion nicht soooo viel zu holen. Allerdings war sie recht unterhaltsam, vor allem der ständige Schlagabtausch zwischen Frau Götz und Herrn Thome. Er kam mir wie ein absoluter Technokrat zu, der dem Menschen am liebsten in den Hintern treten wolle, damit der der Technik endlich hinterherkommt.
Die Zusammensetzung des Podiums war mir etwas zu rosarot, Veruschka Götz etwas ausgenommen. Als es über das Thema des Generationsproblems ging, zauberten alle fitte Renter und technikinteressierte Senioren aus der Tasche. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich den falschen Umgang. Meine Eltern — durchaus intellegente Menschen — wissen bis heute nicht wirklich, womit ich als Webdesigner mein Geld verdiene. Wenn ich meine älteren Nachbarn in Grombühl fragen würde, wie sie den neuen Firefox finden, sähe ich bloß große Augen. Sicher gibt es auch technophile Renter, keine Frage. Es werde vermutlich sogar mehr. Aber nach meiner Erfahrung hat das Gros der Älteren keinen Zugang zu den neuen Medien (räumlich, sozial und sprachlich) und auch kein Interesse daran.
Auch wurde von einer Demokratisierung des Internets gesprochen. Sicher kein völlig falscher Begriff. Aber man sollte doch im Auge haben, das man damit das Volk (demos) auf die Internetnutzer beschränkt. Im Netz finden vielleicht wirklich Revolutionen und Evolutionen statt, hier wird Wissen und Kultur gesammelt und ausgetauscht. Ein Teil davon sickert in die herkömmlichen Medien durch. Aber die Menschen, die nicht am Netz teilhaben direkt können, aus sozialen, finanziellen oder intellektuellen Gründen, sind von diesen Dingen ausgeschlossen. Ihren Stimmen fehlen.
So richtig interessant wurde als aber beim Stehempfang. Da wurde wirklich diskutiert. Da kam ich mit Mainpostlern in Gespräch, mit einem Professor für BLW (der meine letzte Zigarette geschnorrt hat), mit Mediengestaltern und Medienmanagern. Hier wurden auch die kritischen Fragen gestellt, aber auch die Möglichkeiten des Web 2.0 benannt. Lange bin ich da aber dann doch nicht geblieben, denn wichtiger als das Web 2.0 ist das Leben 1.0. Und so bin ich in den Pleicherhof um mit ein paar Bloggern und Nichtbloggern Phils Geburtstag zu begießen. Das zählt!
Das Fazit für den Abend? Ich kann und will ihn überhaupt nicht schlecht reden. Die Veranstaltung war gut — bloß der Titel war vielleicht falsch gewählt. „Web 2.0 für Dummies Einsteiger” wäre besser gewesen. Dafür wäre der Vortrag sehr gut gewesen. Aber für mich, beruflich und privat in Web 2.0 nicht ganz unbedarft, hat der Event nicht viel hergegeben.
Über die Verstanstaltung kann man auch z. B. hier und hier lesen. Es gibt auch Podcasts vom Vortrag und von der Diskussion.

25. April 2007 um 22:22 Uhr
Ich meld mich auch an. Also bitte mir auch eine Mail zukommen lassen — beim nächsten Mal. Danke.
12. März 2007 um 20:41 Uhr
Sendet mir bei der nächsten veranstaltung bitte ne mail. danke. martin
Pingback: Was ist ein Blogcoach oder Community Manager? at konrad rennerts EduBlog
1. Dezember 2006 um 09:44 Uhr
http://ars.userfriendly.org/cartoons/?id=20061201
29. November 2006 um 14:43 Uhr
Danke für die Links.
Sie haben Recht mit dem was Sie sagen. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Ich finde es sehr interessant, daß diese Debatte auf philosophische Art und Weise ausgetragen wird. Da ich mit Herrn Schneider noch nicht beim Schafe hüten war, kann ich ihn nur aus meinem Blickwinkel sehen, eben in dieser Diskussion über das Web 2.0. Es mag daher sein, daß ich in einem völlig anderen Zusammenhang anders denken würde. Hier aber nicht. Aber das Thema heißt nicht Herr Schneider sondern Web 2.0.
Ich muss wirklich zugeben, daß ich froh bin, daß hier keiner so richtig eine Antwort hat, was Web 2.0 eigentlich ist. Da habe ich das Gefühl nichts verpasst zu haben. Wenn Sie mehr wissen, werde ich es über Ihre Blogs erfahren. Vielleicht auch erst im Web 3.0, wenn man zurückblicken kann auf das Alte. Vielen Dank für die Antworten, es war interessant hier im Web 2.0 zu sein. Ich verschwinde jetzt wieder in meine alte Web 1.X Seite ohne Blog, mit vielen Analogen Dingen und jeder Menge Kabel.
29. November 2006 um 12:07 Uhr
Das verstehe ich unter Web 2.0:
http://www.werbeblogger.de/200.….ch-web-20/
Das Marketing profitiert vom Web 2.0 in dieser Hinsicht:
http://www.buenalog.de/2006/11.….anagement/
Ich hoffe Ralf (seine Aussagen unterschreibe ich voll und ganz) erlaubt mir diese Verlinkungen.
@Mayerhofer:
Der Mensch ist nicht perfekt und jeder Mensch hat einen anderen blickwinkel, ein anderes Bewusstsein und einen anderen Bezug zu Dingen. Einige etwas harsche (durchaus nicht beleidigende) Kommentare von Dieter Schneider auf die ganze Agenturleistung zu beziehen ist mir persönlich etwas zu heftig. Aber das ist im Endeffekt ihr Blickwinkel, ihre Denkweise und ihr Bewusstsein der Lage.
Kommunikation wird sich langfristig erst dann weiterentwickeln, wenn wir Menschen in der Lage sind, in mehrere Blickwinkel zu schlüpfen. Dann wird es allgemein etwas friedlicher zugehen.
Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass wir als eine der wenigen Agenturen ohne Visir auftreten. Und ich bin mir sicher, dass Sie in einem völlig anderen Zusammenhang von Herrn Schneider als Mensch und Profi absolut überzeugt wären.
Ohne Reibung keine Energie. In diesem Sinne danke für die Diskussion.
29. November 2006 um 11:40 Uhr
Ich würde nicht sagen, dass es Web 2.0 nicht gibt und dass die Veranstaltung von Buana la Vista reine Eigenwerbung betrieben hat.
Web 2.0 gibt es. Bloß was darunter zu verstehen ist, darüber scheiden sich die Geister.
Ich würde dieses Blog als ein Stück Web 2.0 betrachten. Sicher wäre ich absolut in der Lage, alle Artikel, Feeds und Verknüpfungen von Hand zu pflegen, das Blog könnte also als statische HTML-Site laufen. Dann hätte ich vor 8 Jahren schon ein Weblog gehabt. Was das Blog in meinen Augen zum Blog macht, ist die Möglichkeit, dass andere kommentieren können, die einfach Erstellung der Artikel und Blogstruktur, und die Verknüpfung über den Tellerrand hinaus per Track– und Pingback.
Anderer Blogger könnten ohne die Web 2.0-Blogs gar nichts im Netz veröffentlichen. Wenig Menschen können vernünftig (X)HTML, so dass sie nicht mal die Möglicheit hätten, statische Seiten mit ihren Inhalten zu füllen. Im Falle der Blogs war die Einfachheit der eigentliche Web 2.0-Gewinn.
Dingen einen Namen zu geben ist glaube ich ein Urtrieb des Menschen. Alles muss benannt sein, damit man damit umgehen kann oder Macht darüber hat. Ein wichtiger Teil eines Exorzismus ist die Ansprache des Dämons mit seinem Namen, damit hat man Macht über ihn. Und so muss auch der aktuelles des Technik– und Nutzerverhaltens im Netz einen Namen haben, damit man diesen Dämon im Griff hat …
29. November 2006 um 11:18 Uhr
Vielen Dank @Ralf.
Ich verstehe das Web 2.0 oder 1.4 oder 1.8 dahingehend, daß es sich durch anderes Userverhalten auszeichnet. Bedingt durch schnellere Verbindungen. AJAX und PHP sollten seit Ende der 90iger ein Begriff sein, Abo-Dienste (RSS) ebenfalls. Die Antwort von Ralf bestätigt mir, daß Web 2.0 im angesprochenen Blog von Buenalavista als Eigenwerbung (ohne negativen Beigeschmack!) betrieben wird. Fraglich dabei ist, warum man allem einen Namen geben muss. In aller Konsequenz müsste ich dann ein Konsument 3.5 sein, weil ich nur noch Eier aus Freilandhaltung kaufe, also aktiv versuche mich einzubringen. So wie ich es jetzt sehe, gibt es keine technische Änderung, sondern basierend auf der zunehmenden Anzahl von Internetnutzern einfach ein größeres Interesse am Netz. Für mich ist die Frage geklärt…und es kann so einfach sein!
Vielen Dank Ralf. Web 2.0 ist ein „entwickeltes” Verkaufsargument für Agenturen. Sicherlich Legitim, denn wir alle wollen verkaufen. Ich dachte aber bei der ganzen Disskussion hier, mit nun 52 Beiträgen steckt mehr dahinter als der Versuch ein Produkt zu entwickeln, daß es eigentlich gar nicht gibt.
29. November 2006 um 10:59 Uhr
Das Web 2.0 ist nicht nur eine Sache der Technik. Ein großer Faktor des Web 2.0 ist es, die Nutzer des Internets mit ins Boot zu holen. Sei es als Kommentatoren der Blogeinträge, als Schreiber von Artikeln für ein Wiki oder als soziale Teilhaber an einer Community — der gemeine Internetnutzer kann sich an den Inhalten des Webs beteiligen.
Die technische Seite erleichtert (meist) die wie auch immer geartete Beteiligung am Web. Eine Seite mit AJAX auszustatten macht diese komfortabel, setzt allerdings auch gleichzeitig eine neue technische Hürde, die genommen werden will. Einen semantischen Code schreiben sollte man eigentlich schon seit 1994, als CSS1 das Licht der Welt erblickte.
Meiner Meinung nach ist es nach wie vor schwierig zu sagen, was zum Web 2.0 gehört und was nicht. Und die Meinungen gehen da weit auseinander, da es fast schon eine gefühlte Zugehörigkeit ist (ich überzeichne das ganze da etwas, ok). Der Name Web 2.0 ist sicher auch etwas euphorisch gewählt. Technisch würde ich es Web 1.4 bezeichnen, sozial als Web 1.8.
29. November 2006 um 10:32 Uhr
Vielen Dank für die Info Herr Breitenbach,
ich habe den Buenalog gelesen und muss dazu sagen, dass ich zwar mit Ihnen gerne in Verbindung treten kann, es mit buenalavista allerdings nicht vorhabe. Das geht in keinem Fall an Sie als Person. Mir erscheinen die Reaktionen auf manche Kritiken wenig sachlich und sehr unhöflich. Es zeichnet für sich für mich durch die Beiträge des Herrn Schneider meine Vermutung ab, es handele sich beim Web 2.0 um genau die Werbemöglichkeit, die ich oben beschrieben habe. Aber an diesen Beiträgen möchte ich nicht teilnehmen.
Das mit dem Quellcode ist klar. Dies lasse ich in PHP und AJAX realisieren. Ist also nichts Neues. Was mich interessiert ist die Frage, was eine Seite für zusätzliche Funktionen haben kann/sollte/müsste um als Beispielseite für ein Web 2.0 Projekt angesehen zu werden. Keine Angst, ich möchte keine individuelle Beratung von Ihnen die sicherlich zurecht kostenpflichtig wäre. Sie beschreiben oft in Ihren Blogs den kleinsten Nenner. Klären Sie mich auf. Wo liegt der? Was ist er? Daher die vielleicht laienhafte Frage nach dem Umfang einer Web 2.0 Seite. Wenn es schon ein Wort für eine Sache gibt, muss diese Sache doch auch definierbar sein. Wenn auch nur oberflächlich und mit dem kleinsten gemeinsammen Nenner.