Das Leben vor und nach Italien

19 Uhr! So wie beim Beamten der Kugelschreiber aus der Hand fällt, so fällt bei mir die Maus auf dem infrarot-beleuchteteten Tisch. Zeit für das Halbfinale der Fußball-WM! Auf zum Ort des Geschehen, dem Café Centrale. Nach einem kurzem Zwischenstopp im Pleicherhof und einem weiterem Stopp im sich europäisch gebenden D.O.C. kam ich mit einem Puls von 95 im beliebten italienischen Stehcafé an. Der MP3-Player plärrte mir noch ein aufbauendes “Football’s cominge home” in die Ohren, da betrat ich auch schon meine persönliche Arena des WM-Halbfinales.

Anpfiff! Italien versuchte die erste Halbzeit zu dominieren, was man ihnen aber nicht so richtig abnahm. Deutschland hielt gut dagegen, was mich 3 Liter Schweiß und 2 Spritz kostete. Kurzes Luftholen in der Halbzeit, wobei die fade Würzburger Luft keine wirkliche Erfrischung spendete — auch nicht die 3 Gaulaises in der verdienten Pause!

Zweit Halbzeit! Die Deutschen Elf wird besser, aber leider nicht gut genug. Selbst massiver Nikotin- und Alkoholeinsatz verhelfen den Deutschen nicht zum Sieg. Schade eigentlich — ich trinke und rauche aber trotzdem weiter.
Verlängerung! “Länger ist nicht besser”, so lautet eine alte Männerweisheit, die sich vor allem die deutsche Manschaft zu Herzen nimmt. Sie kämpft mit viel Herz, doch die italienische Nationalelf erlangt in den letzten 3 Minuten das 1:0 und kurz darauf das 2:0! Italien? Ein Pizzalieferant? Sofort schießen einem Geschmackerinnerungen an leckeres Gyros oder asiatische Nudelpfannen durch die Geschmacksknospen. Wer ist Italien? Am vergisst plötzlich die kullinarischen Siege des mediterranen Landes! Wer kennt Tortellini? Was ist Lasagne? Tomaten-Mozzarella? Nie gehört!
Plötzlich erscheint einem ein anti-itlalienisches Askesejahr gar nicht so schlimm!

Italien hat tapfer gekämpft, Deutschland hat tapfer verloren. Grunde genug für einen Besuch in der Sanderstraße — auch wenn man sich über die transalpinen Petzer aufregen könnte. Aber man tut es nicht; man feiert die Niederlage der deutschen Mannschaft so, wie es sich gehört — nämlich so, als hätte vor einem Monat kein Mensch an ein Überleben der Deutschen nach der Vorrunde geglaubt, was ja auch stimmt!

Irgendwann dem deutschen Niederlagentaumel überdrüssig, begebe ich mich Richtung Heimat. Leider an der unteren Augustinerstraße vorbei. Und gleich wurde ich von italienischen Freunden genötigt, einen Prosecco zu trinken. Als guter Verlierer tat ich das auch, aber trotz enorm hoher Promillezahl war ich nicht mehr in der Lage, die italienische Hymne zu singen.

Auf dem erzwungenen Heimweg begleiteten mich die MP3-komprimierten Versionen von Styx’ “Boat on the river” und Ultravox’ “Loves great adventures”, beides Weisheiten für diesen emotionalen Abend.

Zurück bleibt der fade Geschmack von einem Benahe-Sieg, gemischt mit dem kommenden Geschmack von Dolmadakia und Knoblauchkartoffeln — bis wenigstens zur nächsten EM!

11 Gedanken zu „Das Leben vor und nach Italien“

  1. Ich meine natürlich die Deutschen, nicht die Seutchen.

    Und von wegen es war ein verzweifeltes Verteidigen. Allerhöchstens in der Nachspielzeit. Und selbst da hatten wir noch gute Chancen.

  2. Also ich finde, die Seutchen haben um längen besser gespielt, als die Italiener. Nur die alte Krankheit der Deutschen, in den letzten paar Minuten nochmal alles herumzureisen / nochmal einen zu kassieren, hat uns den Sieg gekostet.

    Alles in allem war Deutschland aber dominant.

  3. “…in zwei Jahren findet die Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich statt – da zählt Deutschland wohl schon jetzt zu den Favoriten.”

    Das ist die Frage. Das Spiel der deutschen Elf hat ja sehr stark von der enormen Rückendeckung durch die Zuschauer und den unbedingten Willen im eigenen Land zu siegen gelebt. Dann noch der tolle Bundestrainer. Alle diese Faktoren sind ja bei der EM nicht mehr gegeben. Zumindest nicht alle. Wir könnten schon froh sein, wenn Klinsi sich entschließt weiterhin den Kader zu coachen.

  4. …meine Tränen mussten mit viel Bier weggewaschen werden…:-( ich find*s echt traurig das WIR raus sind! und am Samstag fällt das WM-Studio im Hause Nansen aus! “…3.Platz…kennst den Wayne?”

  5. Leider kein Beinahe-Sieg der Deutschen, sondern verzweifeltes Verteidigen, um das Elfmeter-Schießen zu erreichen. Die abgezockten Italiener waren in diesem Spiel – noch – eine Nummer zu groß und haben verdient gewonnen.

    Drei Euro ins Phrasenschwein:

    “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel” – in zwei Jahren findet die Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich statt – da zählt Deutschland wohl schon jetzt zu den Favoriten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu