Archiv für den Monat: September 2009

Das Eis der (Sub)Kultur wird dünner

Als damals Anfang der 90er im Zivildienst die Entscheidung anstand, wo ich studieren will, da fiel meine Wahl auf Würzburg. Da haben soziale Kriterien eine Rolle gespielt, da haben Angebote der verschiedenen Hochschulen eine Rolle gespielt, aber auch das kulturelle Leben in der Hochschulstadt. Viele Kinos, viele Bühnen, viele Möglichkeiten. Es gab noch das frisch umgezogene AKW!, das Cairo hieß noch Café, beim U&D gab es noch keine Taschenkontrollen, das Filmwochenende fand noch im Corso statt, es gab noch ein gutes Lokalradio W1 — das alles lockte mich zusätzlich nach Würzburg.

Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt und wandelt sich weiter — nicht zum Guten hin. Die meisten Kinos sind gestorben, das letzte Programmkino stirbt Ende des Jahres, weswegen das Internationale Filmwochenende 2010 ausschließlich im sterilen Cinemaxx stattfinden wird.
Das Immerhin, eine kleine aber sehr feine Bühne und Einrichtung, Schauplatz einiger denkwürdiger Bloggertreffen, macht ab November zu und hat nach wie vor keine neue Bleibe gefunden.
Das AKW! hat Insolvenz angemeldet. Ohne nach die Frage nach der Schuld zu stellen hat es ein Loch in die Kultur- und Bühnenlandschaft gerissen.
Die Posthalle gibt es zwar, aber von Seiten der Stadt wird ihr die wirtschaftliche Existenz nicht leicht gemacht. Keine Genehmigung wirtschaftlich lukrativer Discos oder Partys — bis auf obskure Ausnahmen wie den Midlife Club am letzten Wochenende, der wurde komischerweise genehmigt.
Ähnliches Schicksal trifft den Propeller, der als soziokultureller Ausnahmeort ein kurzes, aber erfolgreiches Dasein in der Karmelitenstraße gefristet hat. Auch hier wird den Betreibern eine Neueröffnung von Seiten der Stadt ebenfalls nicht gerade leicht gemacht und ihnen nahe gelegt, der Innenstadt doch fernzubleiben.

Wer einen beliebigen Städtereiseführer durchblättert, der findet dort immer die Rubrik “Nachtleben”. Das Nachtleben ist also ein Kriterium, nach dem Menschen ihren Besuch einer Stadt entscheiden. Das mache ich auch so — wenn ich denn mal Urlaub habe. Wo ist ein origineller Club? Wer spielt ein Konzert auf welcher Bühne? Laufen gute Filme abseits dem, was überall läuft? Was kann ich nachts so alles anstellen in der Stadt? Und da sieht es in Würzburgs Innenstadt, dem Zentrum, immer lauer aus.

Natürlich gibt es noch genug Möglichkeiten zum Weggehen, aber die Lounges (Ich kann das Wort kaum noch schreiben) und Clubs sind halt doch mehr Marke “Kennst du eines, kennst du alle”. Einheitsbrei. Ich finde es nicht schlimm, dass Leute dahin gehen, ich finde nur den allmählichen Mangel an Alternativen schlimm. Und außerdem haben es auch die nicht leicht mit der Stadt muss man fairerweise sagen.

Man kann fast den Eindruck bekommen, als wolle die Stadt Würzburg eine kulturberuhigte Zone im weiteren Innenstadtbereich. Dummerweise ist Kultur oft mit Krach verbunden. Sei es durch die Kultur selbst wie bei Konzerten oder einfach durch die Besucher, die vor der Tür stehen, rauchen, quatschen und trinken. Und das will man meiner Meinung nach nicht. Da beschweren sich die Anwohner. Und da kann ich nur sagen — wenn ich in jeder anderen Stadt in die Innenstadt ziehe, dann ist es dort sonnenklar, dass da spät nachts noch Lärm ist, denn da ist was los. Geh man in Köln in die Innenstadt oder in die Kneipenviertel. Von Berlin mal gar nicht zu reden. Gibt es wirklich Leute die über eine Kneipe ziehen und dann überrascht sind, dass da nachts noch Lärm ist? Aber es toll finden, dass alles so nah in der Innenstadt ist.

Wir wollen eine Großstadt sein? Ein “Oberzentrum”? Wir brauchen kein “Provinz auf Weltniveau” um uns nach Außen lächerlich zu machen, das schaffen wir mit dem derzeitigen Trend an Möglichkeiten der (Sub)Kultur und Nachleben auch so.

Es gäbe noch viel zu dem Thema zu schreiben — ein andermal, jetzt geht es zum Kaffeetrinken. In die Innenstadt.

Mediengruppe Telekommander und viele mehr

Heute Abend gibt es ein hörenswertes Konzert in der PosthalleMediengruppe Telekommander zieht mit ihrer neuen Scheibe “Einer muss in Führung gehen” vom Leder. Kritisch-spaßig-lauter Indie-Elektro-Pop-Rock-Hop, den ich schon mal beim Hoffest im Cairo genießen durfte. Und ich hoffe, dass ich heute auch hin kann, bin leider nicht sicher ob das klappt.

Überhaupt stehen in der nächsten Zeit in der Posthalle für mich recht interessante Konzerte bereit. The Kilians, von denen ich zumindest glaube, dass sie mir gefallen könnten. Die Taubertal Rocknacht mit unter anderem Skunk Anansie, die ich in den 90ern schon live hören wollte uns es nie geschafft habe.  Katzenjammer, die einfach nach Spaß und vier Mädels klingen. Virginia Jetzt!, zu denen ich gar nicht mehr sagen muss. Die Kassierer, was garantiert ein extrem angefahrenes Konzert wird. Und natürlich Martin Turner’s Wishbone Ash, bei denen ich durch meine späte Geburts lange gestraft war, es jetzt aber live nachholen kann.

Ich bin beschäftigt für den Rest des Jahres. Und ich hoffe wirklich, dass im Bauauschuss der Stadt Würzburg endlich der Antrag auf Nutzungsänderung der Posthalle durchgeht, damit den Jungs nicht der wirtschaftliche Boden völlig entzogen wird. Es machen in nächster Zeit zu viele Kulturorte zu oder haben schon zu gemacht, das kulturelle Eis in Würzburg wird immer dünner.

Göger, Gay und großteils gute Musik

Der Freitagabend Samstagabend war ein langer Abend, großteils aber auch ein guter Abend. Die Livesendung des Zündfunks aus dem Cairo machte wirklich Spaß, Highlights waren die akustische Stadtführung von Björn — der damit auch den Zugereisten die Bedeutung des Wortes “Göger” klar machte — und das Interview mit Tor-des-Monats-Schützen Bastian Götzfried vom WFV, der sehr sympathisch und witzig war. Traurige Themen wie die Schließung des Immerhin und des Corso konnten die gute Stimmung nicht vermiesen. Leider, leider, leider gibt es die Sendung scheinbar nicht online zum Nachhören, wer also nicht an dem Volksempfänger zu der Uhrzeit saß, dem ist dauerhaft etwas entgangen.

Die Konzerte im Anschluss waren gemischt. The Wind-Up Robots Killed My Cat kannte ich vom Namen her mal gar nicht, sie machten aber gute Instrumentalstücke, die im Zusammenhang mit den im Hintergrund gezeigten Videos sehr gut rüberkamen — einfach mal das Video anschauen.

[myspace]http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=63593803[/myspace]
Via Bjoernstar.

Leonard Las Vegas — nicht L. L. Vegas, wie aus Platzgründen angekündigt — fand ich nicht so prickelnd. Die Musik klang für mich wie ein Aufguss vom Aufguss und ein mir viel zu zappeliger Frontmann bescherten mir ausgedehnte Raucherpausen während ihres Auftritts. Brauch ich zumindest nicht nochmal. Wettgemacht wurde diese musikalische Schlappe in meinen Ohren wieder von Gold Minor, der Würzburger All-Star-Band, denen man den Spaß am Spielen anmerkte. Sie haben auch kein musikalisches Neuland betreten, aber musizierten mit Herz und Hand, auch wenn man vom Gesang immer ein wenig Electric Club im Ohr hatte. Könnte am Sänger gelegen haben. 😉

Nach einem Abstecher aus reiner Neugier zur Gay-Party im Dean & David im Petrinihaus (Naja, auch das brauche ich dort nicht mehr, was auch am schlechtesten Cuba Libre aller Zeiten lag) ging es zum Abzappeln in den Keller des Pleicherhofs, wo Achim und Björnstar zur Zündfunk-Party auflegten. War gut, bloß war dann doch mal rechtschaffen müde.

Alles in Allem: Ein wirklich guter Abend! 🙂

Während der Wahl, nach der Wahl

Ich gehöre zu den 75% der Wahlberechtigten in Würzburg, die am heutigen Wahltag noch so richtig in die Wahlkabine gehen. Und das habe ich vorhin auch gemacht. Briefwahl ist keine Alternative für mich. Ich brauche das Wahlerlebnis. In die Josefschule schlappen, die gemalten Bilder in den Gängen anschauen, den Wahlhelfern ein freundlichen Lächeln schenken, zuschauen wie mit meinen Namen und meiner Wahlbenachrichtigung stille Post gespielt wird, Wahlzettel nehmen, in die Wahlkabine gehen, auf den Stuhl setzten und feststellen, dass man in den letzten 30 Jahren deutlich gewachsen ist, Wahlzettel umständlich auseinanderfalten, mit einem blauen ungespitzen Buntstift zwei dicke Kreuze machen, Wahlzettel umständlich zusammenfalten, zur Wahlurne gehen, warten bis die Dame den Schlitz der Urne freigibt, Wahlzetter einwerfen, freundlich von den Wahlhelfern verabschieden, Schule verlassen und anschließend an den Mainwiesen spazierengehen.

Da kann doch keine Briefwahl mithalten. 🙂

Später geht es vielleicht noch zu einer Wahlparty, in geographischer Nähe steht das Felix-Fechenbach-Haus (Grüne) oder der Club L (Piraten) zur Wahl.

Und wer jetzt noch nicht wählen war — ARSCH HOCH!

Weißt du mehr zum Thema "Felix-Fechenbach-Haus"? Dann schreibe dazu etwas im WürzburgWiki.

Zündfunk und Freakshow

In der Franz-Oberthür-Schule ist das Freakshow-Festival schon am toben, im Cairo wird noch für den Zündfunk-Abend aufgebaut.

Nochmal für alle, die die letzten Wochen mit dem Kopf untern einem Stein verbracht haben: Heute Abend wird im Cairo ab 19.00 Uhr eine Sendung von Zündfunk aufgenommen und live ausgetrahlt (Bayern 2, 90,0 MHz). Gäaste sind Tor-des-Monats-Treter Bastian Götzfried, Traubentreter Ludwig Knoll, Last-Programmkino-in-der-Region-Betreiber-ab-2010 Hannes Tietze. Ein bisschen Herr Pfeffer-Pushen darf im Cairo natürlich nicht fehlen, Missmanou wird auch Gast sein.
Nach der Sendung um 20.00 Uhr wird es Konzerte von Gold Minor, L.L. Vegas und The Wind Up Robots geben. So ab 23.00 steigt die Zündfunk-Party, die allerdings im Pleicherhof.

Beim Freakshow-Festival, die Feiertage für alle Progrock-Fans, ist das heutige Highlight Gentle Giant, besser gesagt der Rest davon, der unter dem Namen Three Friends — benannt nach einem Gentle-Giant-Album — auftritt.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=8_37q0xjUjs[/youtube]

Morgen finden ab Mittag noch Konzerte in der Franz-Oberthür-Schule statt, beginnend mit meinem persönlichen und absoluten Hafensommer-Highlight Panzerballett. Wer Zeit und Geld hat, der sollte sich das Mittagessen schenken und um 13.00 Uhr lieber dort das Konzert anhören. Brilliant!

Italienische Filme und Würzburger Abschied im und vom Corso

Die Ferien- und Urlaubszeit liegt ja noch nicht lange zurück, da sollten noch Reste der mühsam erworbenen Sprachkenntnisse von der Zeit am Gardasee vorhanden sein. Naja, das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel, am Gardasee kann man wohl eher die Kenntnisse der deutschen Dialekte aufpolieren.

Wie auch immer. Vom 23. September — also morgen — bis zum 30. September 2009 finden in Würzburg die Italienischen Filmtage  statt. Dieses Filmfestival, teilweise aus der Filmreihe  “Cinema! Italia!”, die durch ganz Deutschland wandert, zeigt neue Filme aus Italien. Gut, ein alter Film aus den 50ern dient als Eröffnungsfilm, dessen Hauptdarsteller Totò ein Kindheitsheld meines lokalen Kaffeedealers ist. Ich mag die italienische Filmszene ganz gern, Filme aus dem Land sind meist feste Programmpunkte meiner Auswahl beim Filmwochenende, gerade die politischen Filme haben mir es da immer angetan.

Alle Filme werden im Corso im italienischen Original gezeigt,  immer auch mit deutschen Untertiteln. Den Spielplan gibt es auf den Seites des Filmwochenendes und auch ein PDF, das die Filme vorstellt.

Selbst wenn man kein großer Fan des italienischen Film ist — vielleicht sollte man trotzdem hingehen. Denn die Italienischen Filmtage dürften wohl die letzte Gelegenheit sein, sowas wie Festivalatmosphäre im Corso zu erleben. Denn das Internationale Filmwochenende Anfang nächsten Jahres wird schon nicht mehr dort stattfinden, da hat es schon geschlossen. Und im eher sterilen Cinemaxx kam in den letzten Jahren kein Festvalflair rüber, wieweit das dem Filmwochenende an sich schaden wird, das wird sich noch zeigen. Abgesehen auch von einer eventuellen Raumnot, denn ob das Cinemaxx zwei Blockbuster von Programm nehmen wird, um die fehlenden Corso-Säle zu ersetzen, daran zweifle ich etwas.

Es gibt auch schon einige Menschen, die sich um den Totalverlust der Programmkinos in Würzburg Sorgen machen. Unter programmkino-wuerzburg.de wurde ein Blog aufgesetzt, dass zum Austausch von Ideen und Informationen dienen soll. Noch gehen die Ideen in Richtung Utopie, gerade in finanzieller Hinsicht. Denn wer kann es sich schon leisten, ein richtiges Kino mal schnell zu eröffnen. Ich glaube eher, dass in dem Bereich etwas Subversives passieren wird. Irgendein leerstehendes Gebäude entern, 100 Klappstühle oder 30 Bierbänke rein, weißes Betttuch, Beamer, fertig. Finde ich nicht mal die unsympathischste Idee … vielleicht entwickelt sich dann etwas daraus. 🙂
Denn auf die Stadt Würzburg als Träger eines kommunalen Kinos zu warten … da ist nicht nur eine Frage der Finanzen als vor allem eine des kulturellen Horizonts.

Weißt du mehr zum Thema "Kinos"? Dann schreibe dazu etwas im WürzburgWiki.
http://www.cinema-italia.net