Wenn Mauern und Menschen versagen

In diesem Jahr ist wirklich der Wurm drin. Das Africa Festival säuft im Hochwasser in Würzburg ab, das Umsonst & Draussen kriegt gerade noch die Kurve und könnte nur noch durch heftige Sommergewitter gestoppt werden — und nun erwischt es auch noch den Hafensommer am Alten Hafen. Nein, nicht wegen Hochwasser, sondern wegen einer Mauer.

Der Hafensommer findet in diesem Jahr spontan mal nicht an der Hafentreppe bzw. im Hafenbecken statt, denn wie die Main-Post gestern berichtete, ein neuer Ort muss jetzt schnell gefunden werden. Denn die alte Kaimauer am Alten Hafen  ist einsturzgefährdet, oder wie die WVV-Sprecherin — die Hafen AG ist einer Tochter der WVV — zitiert wurde: “Ein Versagen der Mauer kann nicht ausgeschlossen werden”.

Nun, die Kaimauer versagt nicht, sie ist einfach nur über 100 Jahre alt. Darüber, wer in diesem Fall versagt hat, kann man nun streiten. Die Kaimauer tauchte schon im WVV-Geschäftsbericht 2009 auf (Seite 56):

Als Folge der Ergebnisse einer ersten Untersuchung wurde die bestehende Rückstellung für die Sanierung der Schadstellen an der Kaimauer Alter Hafen im Berichtszeitraum erhöht.

Im Geschäftsbericht 2010 wird die Kaimauer mit dem identischen Wortlaut erwähnt, dazu noch an anderer Stelle von einer “notwendigen Sanierung”. Und im Geschäftsbericht 2011 ist die Sanierung der Kaimauer immer noch notwendig, aber anscheinend nicht mehr sooooo notwendig: (vermutlich ist  damit die Kaimauer am Alten Hafen gemeint, das steht aber nicht explizit im Bericht)

Die Sanierung der Kaimauer wurde von den Jahren 2012 und 2013 auf die Jahre 2013 und 2014 verschoben. (S. 67)

Die WVV wusst also um das Problem, hat sich aber nicht gerade überschlagen, es zu lösen. Doch ganz untätig war sie nicht: Im letzten Jahr hat das Landesamt für Denkmalschutz eine Vorschlag abgelehnt, die Mauer durch eine Spundwand aus Stahl abzusichern. Im Jahr 2010 hat der Bauausschuss der Stadt Würzburg diesen Vorschlag laut Main-Post schon einstimmig abgelehnt.

Jahrelang war man sich auf Seiten der Stadt und der WVV bewusst, dass die Kaimauer saniert werden muss, hat sich aber viel Zeit dabei gelassen. Und nun muss alles ganz schnell gehen.

Was wird jetzt mit dem Hafensommer?

In 35 Tagen beginnt der Hafensommer und noch ist offensichtlich nicht endgültig klar, wo genau das Musik- und Kulturfestival stattfinden soll. Laut der Facebook-Seite des Hafensommers suchen die Veranstalter gerade mit der Hafen AG einen Ort, “der weiterhin der Bezeichnung Hafensommer gerecht wird”. Ich bin gespannt.

Und ganz beschissen ist es für die Leute vom Eisbrecher Ulla, die ihre Bleibe vom Arte-Noah-Schiff in das ehemalige Lumen im Kulturspeicher verlegt haben. Letzte Woche die erste Veranstaltung und schon müssen sie wieder schließen. Bitter!

Nun kann man natürlich Verschwörungstheorien stricken, dass die Stadt oder die WVV etwas gegen Kultur am Alten Hafen hat. Die Wahrheit ist meiner Meinung nach langweiliger und doch erschreckender: Die Entscheider haben vergessen, dass Zeit eben nicht immer Wunden heilt, sondern auch mal Mauern einstürzen lässt. Diese Zeit kann man auch einfach verschlafen, dafür wird man schreckhaft geweckt.

P.S.: Dear you Würzburg hat auch schon darüber geschrieben

10 Gedanken zu „Wenn Mauern und Menschen versagen

  1. die Location ist “die halbe Miete” bei diesem Festival. Mich ärgert diese inkompetente Wurstigkeit der Verantwortlichen bei der WVV bzw. der Stadt maßlos. Jürgen Königer hat ein so grandioses Programm zusammengestellt, dass einem wirklich die Spucke wegbleibt. Und zum Dank nun so ein Murks.

    Und wenn der Sachverständige erst 8 Wochen später Zeit für sein Gutachten gehabt hätte, dann hätten wir unseren Hafensommer auch in diesem Jahr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne einstürzende Kaimauer genießen können.

    Bin gespannt wo das Festival nun platziert wird. Neben dem Stadtstrand (Main aufwärts) wäre noch Platz für eine Tribüne und die Plattform auf dem Wasser. Die kostenlosen Parkplätze, die dann dort wegfallen, soll die WVV (als Verursacher) anderswo ersatzweise von der Parkgebühr befreien.

    Boah, ich könnt’ mich echt aufregen. Ich will meine Hafentreppe! Können wir nicht irgendjemanden dafür hängen?

    1. Die Location ist tatsächlich die halbe Miete. Ich hoffe daher, daß für die brutal gute Liste an Bands ein auch den Namen angemessener Platz gefunden wird.

  2. Ich vermisse jetzt schon das Lokalkolorit, etwa den Angler, der zu scheinbar festgesetzter Zeit, seine Beute heimführend, am andächtigen Publikum vorbeizieht.

  3. Tja, wo soll der Hafensommer hin? Vielleicht einfach – wie die Schiffe – zum Neuen Hafen wechseln? Schön neben B27 und Bahnstrecke. Gäbe sicherlich weniger Beschwerden der Anwohner.

  4. Sehr guter Artikel! Aber eigentlich für einen Blogartikel etwas zu kritisch und investigativ. Der Verfasser scheint ein etwas, äh, “romantisches” Bloggerbild zu haben (sorry, Ralf, der musste raus – bitte nicht böse sein).

    Beste Grüße sendet

    Stefan Hetzel

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