mein musikalischer bruder-im-geiste RIGOBERT DITTMANN hat seine gedanken zum zweiten tag des FREAKSHOW-FESTIVALS „SHUT UP AND PLAY YOUR GUITAR“ bereits in worte für sein BAD-ALCHEMY-MAGAZIN gegossen:

FREAKSHOW ARTROCK FESTIVAL – PART 1

They are coming to take you away, haha

Genauer gesagt, ist nur von Part 2 von Part 1 die Rede, denn ich
entscheide mich für den Halbmarathon am Samstag, den 13.06.2015.
Wieder in der Blauen Meise, Quatsch, im Blauen Adler, der
Vereinsgaststätte des ETSV Würzburg in der Mergentheimer Straße.
Ich hab dort zwar noch keinen mit Eisenbahnen turnen sehn, aber die
Fußballerinnen spielen 2. Liga. Am Abend zuvor haben, wie ich mir
sagen lasse, Krebszucht Auf Amrum das Immerhin gerockt. Und
Mister Trief machte vor, was drei junge Burschen unter
‚experimentellem Rock-Jazz‘ verstehen. Mit Spielerlaubnis für die
U21 boten sie Tanzmusik für Fans umstrittener Objekte (Gliese 581 d
lässt grüßen). Und Counter-World Experience bombastelten wieder
ihren weichmetallischen Kingsize Metal.

Heute macht die chice ARROGANZ ALLIANZ den Anfang. Max Meyer
aus Bremen an der Gitarre, Christian Hohenbild aus Berlin an den
Drums und – huch, Mädchenalarm – Elisabeth Hoppe aus Bern in
kleinem Schwarzen am Kontrabass. Analog (nein, das bedeutet nicht
das, was Ihr denkt) zu Intelligent Dance Music machen sie als
‚anonyme Kakophoniker‘ intelligente Gitarrenmusik. Mit geräuschhaft
gekrabbelten Ein- und Überleitungen von ‚Glitzerbraun‘ zu ‚The
Golden Pudel Club‘, sophisticated und transparent. Was wiederum
nix mit Schweiß zu tun hat, denn zu dieser Musik schwitzt man selbst
im Anzug nicht. Obwohl sie groovt, mit strammen 4/4, oder blechern
scheppert zu nuancierten Klangschattierungen und aufrauscht bis zu
einem abrupten Schnitt. Aber sie bleibt auch, fein bepingt mit
quadratischem Beat und Gitarrenloopgekringel, unaufdringlich, mit
deutlichem Vorbehalt gegen bratzenden Schweinkram. ‚Ob Jesus
das reicht‘ fragen sie, rein rhetorisch. Tja, wer sich so arroganz
versichert, der hat durchaus nicht ausgekichert. Meyer fingert flink
und pikant, lässt es nur sekundenkurz krachen. Dann sind wieder
elegante Arpeggiofiguren und agil hoppendes Pizzikato angesagt zu
beatmobiler Klack- ’n‘ Rollerei. ‚Ruhig Blut‘ ist das Motto dieses
abgespeckten Post-Jazzrocks. Einem zittrigen Tango wachsen
Flügel, die Hoppe ihm aber gleich wieder absägt. Das Erwachen
daraus ist zuletzt nicht so bös wie es heißt.

Die Saarländer Ex-‚Discoboys‘ UHL laden ein zu bockigem Noise Jazz, mit
furiosem Drumming von Martial Frenzel, E-Bass-Power von Lukas
Reidenbach und gottvoller Gitarrististik von Johannes Schmitz. Laut ihrer
Debut-CD auf Gligg sind vergiftete Pille-Palle-Stücke ihre Spezialität,
Stücke, die einen träumerisch stimmen und nicht gefasst darauf, dass
Fistfuck-Zombies mit „Muhaah!!“ auf einen zustorzeln. Tatsächlich
beginnen sie sanft. Bis der Bassist den Schalter umlegt für Crash und
Karambolage ohne Rücksicht auf Knautschzonen. Phänomenale
Schmitzerei und stramm stampfende Beats, direkt in yer face. Von
Attacke zu Attacke zu springen, macht, unter Freaks gesagt, an sich noch
keine Nachtigall. Aber die Saarländer sind da schon sehr konsequent,
und Schmitz, ein Schlacks mit Goatie, der in Krassport, in Botanic Mob
mit Jörg Fischer an den Drums und Im Trio an der Seite von Christof
Thewes noch weitere heiße Eisen schmiedet, kann mit seinen schlimmen
Fingern alles, bloß nicht fad. ‚Victims Pt. 2‘ richtet sich an Menschen mit
Gefühlen, ohne aber die Rasanz zu reduzieren. Denn der Drummer
kündet mit Tatortreiniger-Tonfall wie ein Anrufbeantworter jedes Stück an
mit: „Sehr verehrte Damen und Herren, das nächste Stück ist eine
Ballade, also etwas für’s Herz.“ Um, seinem Alkoholpegel trotzend, beim
vierten oder fünften Anlauf die Drohung wahr zu machen, halbwegs. Das
Herz muss hier einiges aushalten, sogar eine Horror-Hai-Attacke. Aber
der Martial kann auch Metronom. ‚No home‘ knattert aber wieder wie Sau.
Denn „es geht ja nicht alles um die Rente“. Gut erkannt, und heavy, aber
saukomisch vorexerziert mit Slidefuror bis zum geht nicht mehr.
‚Aftermath‘ bringt Uhl nicht sooo hart, aber besonders schnell und
federnd. Nur um anschließend noch schneller und lakonischer zu fetzen.
‚Schnickschnack‘ wird im Gedenken an Christopher Lee und dessen
kleinen Bond-Filmpartner gehämmert. Als Encore gibt es ein
holterdipoltriges ‚Caravan‘ auf Speed. Ha, da fühl ich mich doch zugleich
geschüttelt und gerührt.

Zwischen seinen Auftritten mit The Dorf macht der Trompeter John-
Dennis Renken zusammen mit Andreas Wahl an der Gitarre und Bernd
Oezsevim an den Drums gern mal als ZODIAK TRIO kleine Abstecher aufs
Moers Festival (vor 3 Wochen) oder zu uns. Zodiak mit k wie in
hochkarätig. Renken spielt ja auch mit Angelika Niescier in Ruhrecho, und
Oezsevim ist kaum wegzudenken von der Seite von Gunter Hampel. Sie
beginnen hardboppig mit ‚Strich 12‘ und Renken als Cooker, aber doch
auch schon mit Elektrodrive. Gefolgt von prickelnden Kürzeln und
kompliziertem Unisono mit der Gitarre. Die ihrerseits effektvoll in Sound
schwimmt. Bei ‚April‘ wird’s lyrisch mit schwärmerisch glänzender
Trompete. Ich checke mental meine Erinnerungen an Molvær (mit
Westerhus), Peter Evans (mit Halvorson) oder Pablo Giw, und kann doch
nur Renkens eigenen Ton konstatieren. Als werdender Vater übt er sich
mit Wahl in Kinderbelustigung, Oezsevim fällt mit animiertem Klimbim ein.
Bei ‚Fjord‘ pfeift ein eisiger Wind, den die Trompete mit warmer Poesie
und jetzt doch auch etwas Molvær-Feeling vertreibt, Oezsevim grummelt
und lässt das Blech zischen, Wahls Rypdalistik wird elektronisch
bezwitschert. Nach boppig treibendem Gitarrenstakkato wird’s wieder
lyrisch mit Delayeffekten als gitarristischem Intro zu einer Wiegenliedprobe
mit dem strahlenden Vater in spe. Aber seit wann kommen
‚Nachteulen‘ krachig und mit Fanfarenton daher? ‚Streithahn‘ setzt quirlig
verzwirbelt noch eins hinten drauf, als extrafeiner Gestaltwandler, der gut
und gern das 3- und 4-fache an offenen Ohren verdient hätte.

Mit dem Schrumm Schrumm eines Trauermarschs
und Stimmsamples bereitet zu vorgerückter Stunde
dann der Joker und Bonus des Abends sostenuto
seinen ersten Groove vor. ALFIE RYNER aus
Toulouse entspringen offenbar dem gleichen
Freakpool, aus dem Charly auch schon Jack
Dupond, Camembert oder Chromb gefischt hat. Mit
Gitarre, Saxophon und Posaune zielen sie direkt in
mein Lustzentrum. Mannsgroße Comicskelette wie
von Jason, ein Dämonenjäger, ein Revolverheld, ein
Slasherzombie und einer mit einem Moustache wie
Kaf fernbüf felhörner, suggerieren Dia de los
Muertos-Spaß. Schromm, schromm, schromm
diktiert der gnadenlose E-Kontrabass von Guillaume
Gendre, bis die martialischen Viertel abbrechen für
die einsame Gitarre von Gérald Gimenez. Guillaume
Pique i s t abwechselnd für Posaune und
Elektromysterien zuständig, für verzerrte Stimmen
und Keyboardgefinger. Dem noisigen Vorlauf folgt
immer wieder feuriges oder feierliches Gebläse. Und
dazwischen der Clou des Ganzen, die Tiraden, die
der Saxophonist Paco Serrano Pozo deklamiert, erst
f ranzösisch, dann auch spanisch, als ein
Seelenbruder von Cesar Amarante in Radikal Satan
oder Verehrer des Toulouser poète d’action Serge
Pey. Dass mir nur obskure Vergleiche in den Sinn
kommen, zeigt schon die Besonderheit. Mit rauem rr
geistert da die Spinnenfrau, la infame mujer araña,
zusammen mit Billy the Kid, A-Zarqaoui, Vampiren
und Hexen, durch seine Zeilen. Dazu dann ein
Klagel ied der Gi tar re und immer wieder
Bläserstakkatos und Elektronoisefransen in
getragenem Duktus. Reißen gitarristisches Zickzack
und Bläserstöße mit hohem Tempo den Raum auf,
wird er besetzt von Basstristesse und der
fauchenden und stöhnenden Posaune. Bis die
rasante Reprise den Deckel zuklappt. Und noch
einmal stellen sich die entfesselte Gitarre und
Synthinoise dem Tod und weiß der Teufel was, bis
die Bläser den Sarg zunageln. Serranos Sarkasmen
die er mit markantem Hüftknick interpunktiert, lösen
knatternde Stürme aus, bis Schritttempo erstmal
wieder die Nerven beruhigt. Doch schon zündeln die
Bläser wieder an den letzten Minuten des Tages. Der
natürlich nicht ohne Encore endet. Erst der ‚Tango
Toxico‘ setzt den Schlusspunkt mit grotesk
angeknabber ter Theatralik und zuckrigen
Totenköpfen an Gardels Grab.
Warum sich in einer Universitätsstadt mit
Schwerpunkt Musik, Gitarrenbutik und Jazzinitiative
kaum 30 Hansel den Spaß an diesem phantastischen
Razz-Jock-Honeymoon gönnen, werde ich allerdings
in diesem Leben wohl nicht mehr kapieren.