Ausgegangen

Ich freue mich ja schon, dass die Gastronomie aus dem Corona-Winterschlaf zumindest seit dieser Woche ein kleines Frühlingserwachen hat. Und so bin ich am Dienstag nach fast drei Monaten mal wieder in die Kneipe gegangen. Besser: Ich bin vor die Kneipe gegangen, in diesem Fall vor das Tscharlies in der Sanderstraße, zu deren spontan etwas aufgebohrten Außengastronomie.

Virologisch und epidemologisch warne wir voll dabei. Drei Personen aus ausgesamt zwei Haushalten, begrüßt wurde mit einem Ellbogen-Kuss. Apropos voll dabei: Ich vergaß zu erwähnen, dass mein Kneipengang nachmittags um 16 Uhr war. 16 Uhr! 16 Uhr ist das neue 22 Uhr! Und um 20 Uhr macht das Tscharlies zu! Das weiß ich jetzt, das weißt du jetzt, das weiß mein Körper aber bis heute noch nicht so richtig.

Mein Biorhythmus ist bis jetzt noch nicht im gastronomischen Coronamodus, selbst nach gut zwei Monaten Homeoffice noch nicht. Aber egal: Ich bin sehr soziophil, ich bin sehr gerne unter Menschen und habe fast ein Vierteljahr tapfer ausgehalten und kaum einen Menschen persönlich gesehen. Und auch jetzt habe ich Respekt vor dem Virus und der Pandemie. Aber ich fand es einfach toll, mal wieder Leute zu treffen, so in echt. (Witziges Detail: Ausgemacht wurde dieser Kneipengang im privaten Chat einer Videokonferenz, der virtuellen WueWW-Kneipe)

Das Ende vom Lied: Ich war nach drei Stunden — wir reden noch von hellstem Sonnenschein um diese Uhrzeit —  sehr gut angetrunken. Was aber auch Vorteile hat. Also die Uhrzeit, nicht unbedingt das angetrunken sein.
Das ist wie bei den Afterwork-Partys, die es vor gut zehn Jahren mal gab. Da ist man direkt nach der Arbeit in den Club, hat abgetanzt und war um 23 Uhr im Bett. Wunderbar. Aber irgendwie kam das Konzept damals eher nicht so an. Vielleicht ist jetzt die Zeit für die Afterwork-Kneipe, aber eben mit Abstand.

Und es gab einer Premiere. Nachdem ist schon seit über 25 Jahren ins Tscharlies gehe, aber nie zu dessen Faschingspartys, war ich beim Klogang zum erstenmal maskiert in dieser Kneipe. 🙂 Corona Helau!

Ich bin gespannt, wie sich die Lockerungen für die Gastronomie auf die Pandemie auswirken wird. Im Tscharlies an diesem Nachmittag sah alles ganz gut und vernünftig aus, trotz 27 Weinschorlen. Aber ich kann mir vorstellen, dass das nicht überall so ist.

Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die viel gerühmte Normalität einstellt. Mit Normalität meine viele, „so wie es vor Corona“ war. Es ist auch jetzt deutlich anders, als es vor Corona war. Aber es ist trotz aller medizinischen und wirtschaftlichen Schäden bei weitem nicht alles schlecht, es gibt viel Gutes und Schönes. Und der Nachmittag im Tscharlies war so etwas.

P.S. Wo schreibe ich diesen Artikel? Genau, im vorm Tscharlies. Bei einem(!) Weinschorle, kurz nach vier am Vatertag. Und alleine am Tisch. Aber trotzdem gut fürs Gemüt. Aber wie ich gerade gelernt habe: Wer sicher einen Platz will, sollte reservieren. Denn diese Freude wollen sich viele gönnen und der Platz ist begrenzt.

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