Es war zumindest eine Katastrophe

Na, das war ja mal ein bundesweiter Warntag. Zumindest hat er auf vielen Ebenen Erkenntnisse gebracht, wenn auch nicht unbedingt Vertrauen geschaffen.

11 Uhr hier im Büro in der Innenstadt. Wir lauschen am offenen Fenster in gespannter Erwartung auf die gleich heulenden Sirenen. Um 11.05 Uhr meinen wir, in weiter Ferne, könnte Richtung Veitshöchheim sein, ganz leise eine Sirene zu hören. Allerdings waren wir uns nicht ganz sicher, der Schmetterling vor dem Fenster flatterte so laut.

11.11 Uhr. Kein Fasching, keine Sirene. Ich habe auf mein Smartphone geschaut — in der NINA-Warn-App des Bundes ist tatsächlich eine Test-Warnung zu sehen. Aber kam da auch eine Push-Benachrichtigung? Ich wüsste nicht. Hatte ich die Nachricht weggewischt? Ich ärgere mich, dass ich nicht darauf geachtet habe und nehme mir vor, sicherheitshalber den Rest meines Lebens NINA jede Viertelstunde zu öffnen, um zu wissen, ob eine Warn-Nachricht vorliegt. Wenn ich mal wieder ein ganz mieses Gefühl habe, lieber alle fünf Minuten.

Erheiterung um 11.25 Uhr. Radio Gong hat wohl schon eine Meldung zum Warntag vorgeschrieben, die dann um 11 Uhr veröffentlicht wurde und mit den Worten beginnt: “In diesen Minuten heulen in ganz Mainfranken und auch in ganz Deutschland die Sirenen.” Draußen dröhnte währenddessen natürlich nach wie vor die Stille in der Würzburger Innenstadt.

In den sozialen Netzwerken tauscht man sich aus. Bei manchen liefen die Sirenen, bei vielen nicht, bei manchen kamen Meldungen über die Warn-Apps an, bei vielen nicht. Die Lage ist so unübersichtlich, wie man es bei einer echten Katastrophe erwarten würden. Sehr realistische Übung.

Eine ersten Erklärungsversuch für die Stille lieferte die Main-Post um 11.51 Uhr. Sie hat bei der Integrierten Leitstelle nachgefragt (Paywall), warum die Sirenen nicht um 11 Uhr geheult haben. “Einen allgemeinen Sirenen-Alarm habe man nicht geplant, ‘lediglich eine Sektoren-Warnung’. Deshalb sei der einmütige Dauerton um 11 Uhr nur an Sirenen im Bereich von kritischer Infrastruktur ausgelöst worden“, war die Antwort. Okaaaaay. Die Erwartungen an den Tag waren aber andere, oder? So hieß es noch in der Ankündigung zum Warntag auf der Webseite der Stadt Würzburg, “Der Probealarm dient dazu, die Funktionsfähigkeit des Warnsystems zu überprüfen und die Bevölkerung auf die Bedeutung des Sirenensignals hinzuweisen.” Wer hat da im Vorfeld eigentlich mit wem geredet? Eine Erkenntnis: Kommunikation ist auch so ein Ding.

Um 12.12 Uhr meldet sich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe über Twitter.

Eine weitere Erkenntnis. Das Modulare Warnsystem (MoWaS) geht nur, wenn die Situation nicht völlig katastrophal ist. Fast schon menschlich; wenn es zu schlimm wird, gibt man irgendwann auf.

Die Pointe an der Geschichte ist das Ereignis um 10.58 Uhr. Auf meinem Mastodon-Account auf wue.social lief um diese Uhrzeit brav die Warnung für Würzburg des FediNINA-Dienstes ein. Hätte vielleicht mein Leben gerettet.

Aber auch negative Ergebnisse sind Ergebnisse, wie wir Wissenschaftlicher wissen. Und der Katastrophenschutz weiß jetzt, an was er bis zum zweiten Donnerstag im September 2021 basteln kann. Denn dann ist wieder Warntag. Vielleicht in lauter.

ralf

Blogger, Podcaster, Webentwickler und freier Journalist

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3 Antworten

  1. Mara sagt:

    Gestern hab ich mit nem halben Ohr den Warntag wahrgenommen. Sollen sie machen, dachte ich mir, ich weiß Bescheid, ein paar Dinge werden in die Hose gehen aber im Großen und Ganzen wird alles schon klappen. Nach dem was ich heute alles gelesen habe (in seriösen Medien) bin ich gelinde gesagt erstaunt und ein bisschen erschüttert. Versagen auf vielen Ebenen. Deutschland 2020?

  2. Simone sagt:

    Meine Nina hat die Push Nachricht erst um 15.00 Uhr geschickt. Vorher nur die Meldung in der App. Wenn es langsame Zombies sind, werden wir überleben. 😉

  3. Nils sagt:

    Ich will ja nicht angeben (doch), aber hier in der Zellerau (da hood!) heulte eine Sirene. Wir haben halt einfach alles, sogar akustische Warnmeldungen. Ihr müsst das einfach verstehen, hier müssen die Leute überleben, stellt euch vor auf einmal wären hier endlos Häuser frei, die Preise würden purzeln. Und mit der Baustelle nach Veitshöchheim gilt der Zeller Bock gerade auch als kritische Infrastruktur.

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