Wirtschaft,  Zeuch

40 Jahre Hermkes Romanboutique hinter verschlossener Tür

Ich habe mit heute eine kleine Dosis Comics abgeholt. Vor dem Laden. Denn auf den Tag genau 40 Jahre nachdem Hermkes Romanboutique die Türen für ihre Kunden geöffnet hatte, war die Türe zu. Lockdown.

Keine Feier zum 40. Geburtstag der Romanboutique, nur eine Tüte mit Comics – und die musste ich auch noch zahlen. 😉

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen — echt blöd, wenn runde Geburtstage in einen Corona-Lockdown fallen. Ich bin mir sicher, dass es eine grandiose Feier gewesen wäre. So war es nur ein kurzer Ausflug für mich, wobei ich das Glück im Pech hatte, mit Bernie wenigstens den dienstältesten der Jubilare ganz kurz zu sehen, da er für mich noch schnell meine Abholtüte zusammenstellen musste.

Meine persönliche Geschichte mit Hermkes Romanboutique ist keine 40 Jahre alt, nur etwa 25 Jahre. Als ich Mitte der 90er von Schweinfurt nach Würzburg gezogen bin, kannte ich den Namen Hermkes Romanboutique schon. Jeder, der sich in Unterfranken auch nur ein kleines bisschen für Science-Fiction-Literatur interessierte, kannte den Namen Hermkes Romanboutique.

Und so war die Romanboutique eine meiner ersten Anlaufstationen in Würzburg. Ich war absolut kein Dauerkunde, zum „Inneren Kreis“ zählte ich damals und heute nicht. Aber ein paar Mal im Jahr ging ich hin und fragte den damals älteren, aber nicht alten Hermke Eibach nach Büchern, von denen ich gehört oder im Internet gelesen hatte. Ja, ich war damals schon im lange Internet und habe mich über Science Fiction informiert. Ich sage nur de.rec.sf.misc oder de.rec.sf.perry-rhodan.

Aber Hermke brauchte kein Internet, er hatte alles im Kopf, kannte jeden noch so unbekannten SF-Autor persönlich (so hatte ich manchmal den Eindruck) und wusste auf den Quadratzentimeter, wo die Bücher standen. Er war damals schon eine Legende in der Science-Fiction- und Fantasy-Szene, in vielerlei Hinsicht.

Um einen Absatz aus dem Roman „Duell in Terrania“ von Konrad Schaef zu zitieren:

„Menekes war ein mittelgroßer, hagerer Terraner mit einem grauen Bart und einer runden, tellerförmigen Mütze auf dem Kopf, die er bösen Zungen zufolge weder beim Schlafen noch bei anderen Gelegenheiten abnahm. Er brauchte für seinen Laden weder eine Syntronik noch ein anderes, ausgefeiltes Lagersystem. Sein Gehirn glich dem Datenspeicher eines Roboters. Fragte man ihn nach irgendeinem Buch, nach einem Artikel aus einer populärwissenschaftlichen Abhandlung, nahm sein Gesicht einen nach innen gekehrten Ausdruck an. Nach einer Weile sagte er: »Wilsons Paradox, Dualismus und die verschiedenen Ebenen der Wahrheit? Hmm! Ah! Ja, muss ich haben. Das Ding steckt – lass mich mal überlegen …« Und er ging in irgendeine Ecke, rückte ein paar Kästen beiseite, wühlte in zweien und zog das verlangte Buch aus einem dritten heraus.“

Tja, wer könnte wohl die Vorlage zu der Figur Menekes gewesen sein? Ich tippe auf Hermke Eibach, der auch in einem weiteren-Perry Rhodan-Roman als Hermke Eibachen, „der ehemalige Händler mit selbstredenden Büchern und spätere Hanse-Spezialist auf Plophos“ verewigt — Autor Wolfgang Kehl (Pseudonym Arndt Ellmer) hatte in Würzburg studiert. Apropos Perry Rhodan: In der Grabbelkiste mit den gebrauchten Heften der Science-Fiction-Serie habe ich als armer Student gerne und oft gewühlt.

Auch als Gelegenheitskunde fand ich es immer sehr interessant in der Romanboutique. Die bis unter die hohe Decken vollgepackten Räume, die bunten Comics, die Rollenspiel-Kartons, die Superheldenfiguren (allen voran natürlich der lebensgroße Spiderman vor der Tür), die illustren Kunden und die nerdigen Gespräche — Hermkes Romanboutique war und ist schon ein Buchladen, aber keiner von der gewöhnlichen Sorte.

Um nochmals „Duell in Terrania“ für die Beschreibung der Geschäftsräume zu bemühen:

„Der Laden stellte nicht wesentlich mehr dar als einen langen Korridor in einer der unzähligen Parterrepassagen. Rechts vom Eingang lagen ein paar winzige Räume, vollgestopft mit Literatur von allen Plätzen der Galaxis. Im Hintergrund führten zwei Stufen in einen weiteren Raum, der als Büro diente.“

Ein bisschen näher gerückt bin ich der Romanboutique 2011, als ich von Grombühl in die Sanderau gezogen bin. Ich brauche wie jeder Mensch ein Buchhandlung meines Vertrauen, in die ich gehen kann. Und idealerweise in der Nähe. Das wundervolle erLesen in Grombühl musste ich hinter mir lassen, Hermkes Romanboutique war einfach deutlich näher. Wobei gerade da ironischerweise die Zeit begann, in der ich ziemlich wenig Zeit zum Lesen hatte. Der Job bei der Main-Post lies das kaum zu, dafür durfte ich für einen kleinen Artikel zu 50 Jahre Perry Rhodan Hermke Eibach befragen. Nur Lesen war kaum drin. Aber das hat sich mittlerweile wieder geändert, zum Glück.

Seit dem ist die Romanboutique nicht nur meine Anlaufstation für Science-Fiction-Literatur, sondern auch für Rollenspiel-Kram (ein dezenter Wiedereinstieg nach gut 30 Jahren), Comics (ich entdecke sie gerade völlig neu wieder)  und eben „normale“ Literatur. Etliche Krimis, Typo3-, Python- oder Linux-Bücher gingen für mich dort über die Theke. In den vergangenen Jahren war ich deutlich öfters in dem Laden als die 15 Jahre zuvor, was sich auch im Würzblog widergespiegelt hat.

Und dann begann ich 2019 in unregelmäßiger Folge mit Bernie und Gerd aus dem Buchladen zu Podcasten, über all das, was im Laden passiert. Auch ein klein wenig als Öffentlichkeitsarbeit für die Romanboutique, die damals gerade aus einer größeren Krise kam. Und natürlich auch ein klein wenig aus Egoismus, denn ich will auf den Laden nicht verzichten müssen. Und auch ein klein wenig zum Wohle von Würzburg, denn solche originellen Geschäfte findet man kaum noch und müssen gepflegt werden — auf eine Stadt wirft das immer ein gutes Licht. Aber vor allem, weil es immer großen Spaß macht.

Groß feiern konnte Hermkes Romanboutique ihren 40 Geburtstag nicht. Vielleicht können sie das ja nachholen, wenn die Maßnahmen gegen die Pandemie ihren Griff lockert. Aber schon jetzt kann man das Jubiläumspräsent anhören: eine 15-teilige Audioreihe „Hermkes Historie“ (man könnte es wohlwollend einen Podcast nennen), in dem die Geschichte der Romanboutique aufgerollt wird, mit etlichen Zeitzeugen als Gäste (natürlich auch mit Hermke selbst). Die Reihe ist wirklich toll geworden, eine schöne Zeitreise, sehr interessant und unterhaltsam, nicht nur für die Hardcore-Fans des Ladens.

Übrigens: Ich habe Bernie, Gerd, und wer noch heute gearbeitet hat, kontaktlos eine Flasche Sekt in die Abholkiste gestellt. Damit wenigsten sie feiern können, hinter verschlossenen Türen.

P.S. Ach ja: Gratuliert doch der Romanboutique in deren Blog, die freuen sich bestimmt. ?

 

Blogger, Podcaster, Webentwickler und freier Journalist

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