Politik,  Verkehr

Mainkai autofrei – aber nur sonntags

Nur wenige hundert Meter davon entfernt, als die Nachricht im Feedreader meines Smartphones aufploppte: Der Obere Mainkai in Würzburg soll sonntags für den Autoverkehr gesperrt werden, hat der Planungs-, Umwelt- und Mobilitätsausschuss PUMA gestern beschlossen.

Wann genau der erste autofreie Sonntag im Bereich zwischen Alter Mainbrücke und Wirsbergstraße (da wo es zur Polizei und Richtung Neubaustraße geht, am Vue-Container halt) sein wird, steht da nicht so genau, „schnellstmöglich“  heißt es im Artikel, aber die Stadt muss erst die Schilder und Markierungen vorbereiten. Wenn es losgeht, soll dieser Bereich jeden Sonntag von 10 Uhr bis 22 Uhr für den Autoverkehr gesperrt sein.

Mehr Leben am Fluss

Mir gefällt ja so ziemlich alles, was den Aufenthalt am Main angenehmer macht. Würzburg ist eine Stadt an einem Fluss, und meiner Meinung nach wird das viel zu wenig positiv ausgenutzt. Im Innenstadtgebiet ist auch nach den Erweiterungen der vergangenen Jahre nur ein verhältnismäßig schmaler Streifen am Ufer für Fußgänger nutzbar, es gibt relativ wenig Gastronomie in unmittelbarer Mainnähe. Freizeitmöglichkeiten gibt es auch nur an den beiden Stadträndern in der Sanderau und Zellerau, und im vergangenen Corona-Sommer merkte man, wie klein die Flächen dort eigentlich sind.

Darum freut mich natürlich die Idee, am Oberen Mainkai die Autos zu verbannen und lieber den gesamten Platz für Fußgänger, Tourismus, Kultur, Gastronomie oder was weiß ich zu verwenden. An drei autofreien Sonntagen dort in den vergangenen Jahren hat sich ja auch gezeigt, dass man dann dort auch Schönes machen kann.

Umverteilung

So richtig glücklich will ich mit dem Beschluss dann aber doch nicht werden. Nicht als Verkehrsteilnehmer, als Radfahrer ist mir die Sperrung für Autos ziemlich egal oder eher sogar recht. Mich stört allerdings die Sperrung nur an Sonntagen und ich fürchte, das führt doch zu kleinen oder größeren Verkehrschaosen (was ist denn die Mehrzahl von Chaos?). Denn es ist ja nicht so, das sonntags bisher kein Auto am Oberen Maikai gefahren ist. Ich bin sogar immer wieder erstaunt, wie viel Verkehr da ist. Und die werden wohl auch immer noch sonntags fahren. Nur wo, werden sich viele Autofahrer fragen, die vor der Absperrung stehen. Am Mittwoch konnten Sie noch dort fahren, am Sonntag plötzlich nicht mehr. Durch welche Straßen schieben sich die Autos dann? Über Löwen- bzw. Friedensbrücke und auf der anderen Mainseite entlang? Oder abenteuerlustig quer durch die Innenstadt? Oder übersehe ich da eine für alle Seiten entspannte Umleitungsmöglichkeit?

Leider glaube ich zuminderst nicht, dass durch die Sperrung mehr Leute sonntags das Auto stehen lassen. Der Verkehr verteilt sich meiner Einschätzung nach nur anders und geht Anwohnern, Touristen, Gastro, etc. an anderer Stelle auf den Sack. 600 Meter lang einen ruhigen Ausblick auf die Festung, dafür mehr Verkehrslärm anderswo in der Stadt. Und an Regensonntagen wird am Oberen Mainkai wohl nur eine einsame und leere Straße sein und die Autos fahren trotzdem woanders. An dem Grundproblem ist dadurch dann nichts gelöst: Es gibt einfach zu viele Autos.

Strich vor Punkt

Es geht mir gar nicht darum, dass die Wünsche der Autofahrfraktion Vorfahrt hätten. Ich bin sogar eher dafür, den Fahrrädern, Fußgängern und dem ÖPNV in Zukunft (also spätestens ab jetzt) bei der Stadt- und Verkehrsplanung in Würzburg deutlich Vorrang zu lassen und Maßnahmen eher zu streichen, die Autos bevorzugen — und trotzdem kein „Gegeneinander“ zu schaffen (von pauschelem Auto-Bashing halte ich überhaupt nichts). Aber trotzdem halte ich so eine zeitlich und räumlich punktuelle Maßnahme für wenig zielführend. Grundsätzliche Maßnahmen für eine Verringerung des Autoverkehrs wären mir lieber.

Nun ist der autofreie Sonntag auf Probe am Oberen Mainkai aber beschlossene Sache und ich bin gespannt auf die Erfahrungen. Und wer weiß, vielleicht läuft es viel besser als ich dachte und der Oberen Mainkai wird dauerhaft gesperrt, die Straße herausgerissen und ich sitze im hohen Alter statt auf Asphalt auf einer grünen Wiese unter Bäumen, trinke meinen Schoppen, schaue zur Festung und lausche dem Vogelgezwitscher. Ich gebe zu, der Gedanke hat schon was.

Blogger, Podcaster, Webentwickler und freier Journalist

3 Kommentare

  • Immobilienbewerter

    Ich finde es einen guten Anfang. In Aachen war der Kampf um eine Autofreie Innenstadt ebenfalls lang, aber letztlich erfolgreich.

    Interessanterweise gibt es ähnliche Diskussionen rund um den Globus. In Brazzaville, Kongo, gibt es ebenfalls nur sonntags eine wunderschöne Strecke für Spaziergänger – an allen anderen Tagen ist es eine stark befahrene Schnellstraße. Wenn die Polizei die Einhaltung solcher Regeln sicherstellt, wird es vielleicht Anlaufprobleme geben, aber die Nachricht wird sich sicher schnell kund tun.

  • Bluemarc

    Gut gemeint, schlecht gemacht! Mit dieser Aktion giesst man nur Öl in den eh schon aufgeheizten Verkehrsstreit in Würzburg, ohne dass jemand wirklich etwas davon hat. Der (absolut nötigen!!!) Verkehrswende bringen die autofreien Sonntage gar nichts, außer Ärger und mehr Verkehr anderswo. Die ÖPNV Preise massiv senken statt noch erhöhen wäre eine weitaus bessere Maßnahme gewesen.
    Die autofreie Zone direkt um die Ecke der Polizeistation einzurichten ist auch nicht sonderlich durchdacht. Die will auch am Sonntag schnell zu den Einsätzen kommen. Bin schon gespannt wie sie sich mehrmals am Tag mit dem Blaulicht und Sirene durch die Fressmeile und die Menge der Schoppentrinker (die es sicher dann dort geben wird) drängen will.

  • Hazamel

    Mir fällt auch keine entspannte Umleitung ein. Polizei und Rettungsdienste müssen eh durch.
    Ich finde auch die Einstellung „Scheiß drauf ob das rechtlich überhaupt zulässig ist, wir machend as einfach“ sehr bedenklich. Halbgarer, blinder (opportunistischer) Aktionismus. Scheint die neue Politikrichtung in Würzburg zu sein.

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