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Seelenmassage am U & D

Also, für mich was das gestern mal ein ganz ungewöhnlicher Tag am Umsonst & Draussen. Hatte ich doch noch wenige Tage zuvor vergeblich versucht, eines der begehrten Tickets für den U&D-Donnerstag, Abendschiene, zu reservieren. Das wäre noch Karten für ein Sitzplatzkonzert gewesen.

Und dann, plötzlich, die Neuaufstellung der Corona-Regeln und, plötzlich, die neuen Regeln und erhöhte Ticketanzahl für das U&D — und ein Ticket für den Donnerstag habe ich dann doch noch bekommen.

Das Eintrittsbändchen für das U&D 2021, Donnerstag-Edition.

Ich konnte im Vorfeld kaum mal daran denken und so stand ich — emotional eher unvorbereitet — am frühen Donnerstagabend auf dem Gelände des Umsonst & Draussen 2021. Und auf einmal konnte ich es kaum fassen, was gerade passiert.

Seit über eineinhalb Jahren stehe ich ohne Maske auf einem Festival, mit vielen gut gelaunten Menschen um mich herum. Gefühlt sehr viele Menschen. Die mit Abstand größte Ansammlung an Menschen, die ich seit Beginn der Pandemie persönlich erlebt habe. Die Sonne schien, Musik war von der Bühne zu hören — das Herz ging mir auf.

Gut 2000 Besucherinnen und Besucher durften nun aufs Gelände, sagte mir Ralf Duggen. Etwa doppelt so viele wie für den Plan Stuhlkonzert. Die vergangnen Tage waren für das U&D-Team durch die Umorganisation ziemlich stressig. Eine enge Nummer war’s dann auch: die endgültige Genehmigung des neuen Konzepts kam erst drei Stunden vor Beginn des Festivals.

Das war aber auch ein irres Glück, das das Umsonst & Draussen doch noch hatte. Dass die neuen Corona-Regeln, die das bayerische Kabinett verabschiedet hat, gerade ab Donnerstag gelten, dem ersten Festivaltag. Es hätte ja auch beispielsweise erst der Montag sein können. Aber so passte es perfekt.

Auch ohne Pfandmarken musste man bei den Getränken anstehen.

Natürlich war es trotzdem kein normaler Tag auf einem normalen U&D-Festival wie vor der Pandemie. Am Eingang musste man Maske tragen, an den Getränkenständen — Profitipp: Es gibt noch einen etwas versteckten direkt neben der Bühne — und an den Toiletten auch, sprich bei der Flüssigkeitsaufnahmen und -abgabe. Und man muss eben ein Ticket haben, einfach so mal aufs U&D gehen ist zumindest mutig, die Tickets an der Abendkasse dürften sehr knapp sein. Darum die Bitte an alle, die schon Tickets für das U&D haben, nun aber aus irgendwelchen Gründen doch nicht hin können: Gebt eure Tickets online wieder zurück, damit andere die Chance auf das Festival haben.

Durch die Einlassbeschränkung konnte ich statistisch nur einem Zehntel an Freunden und Bekannten begegnen. Angefühlt hat es wie ein übervolles Klassentreffen. Viele lieben Menschen, von denen ich viele viel zu lange nicht mehr gesehen habe. Und irgendwie war viel zu wenig Zeit zum Plaudern.

Wenn die Kamele lange Schatten werfen, neigt der Tag sich dem Ende zu. Kinder-Kunst auf dem U&D.

Ja, es war eine Massage für meine Seele, dieser Abend am U&D. Nicht so eine medizinische Massage,  die vielleicht nützt, aber doch weh tut. Eher eine Entspannungmassage, die einem ein lieber Mensch sanft und zart gibt, bei der man sich wohl fühlt und die Berührung einfach nur genießt.

Das Umsonst und Draußen war für mich schon immer sozialer Ort und eine soziale Veranstaltung. Und ich war froh, dass der Plan mit dem Sitzplatz-Konzert fallen gelassen werden konnte. Das wäre vermutlich ganz nett gewesen, mit Freunden am Tisch oder auf der Decke zu sitzen und Musik zu hören. Das hatte ich ja schon ein paar mal in der Pandemie. So, Freestyle mit Herumlaufen, Gucken, Quatschen, war mir das aber viel lieber.

Der gut besuchte kleine Biergarten auf dem U&D-Gelände.

Und natürlich — es gab am Donnerstag auch Musik. Angekommen bin ich zu Johnny Latebloom. Wobei ich gestehen muss, dass ich von dem Singer-Songwriter nicht sehr viel mitbekommen habe — ich habe zu viel geschwätzt! Das Wenige, was ich aus der Entfernung gehört habe, klang aber ganz gut.

Richtig dabei war ich dann bei The Holy. Die  finnische Band ging so richtig ab. Zwei Schlagzeuge, rockige Riffs, eine abgezockte Bassistin, passend eingesetzte Synthesizer, eine Rampensau als Sänger und — was viel zu selten vorkommt –, keine Angst davor, auch mal ein Instrumental zu spielen. Toller Auftritt, lief mir echt gut rein.

Celotta machte ruhig den Donnerstagssack zu.

Um Puls und Blutdruck wieder auf angenehme Weise unter Kontrolle zu bekommen, war dann als letzte Band am Donnerstag Celotta aus Würzburg passend. Schöner Gesang, mit Streichinstrumenten unterlegt, ein gezupfter Kontrabass ließen mich den dann doch recht kühlen Donnerstagabend auf dem U&D gefühlvoll warm ausklingen.

Es war einfach wieder mal schön, in einer Menge zu stehen und gemeinsam ein Konzert zu genießen. Auch wenn es nicht ganz so wie früher war, die Pandemie ist nicht vergessen — man stand nicht so gerängt, wie es sonst auf Festivals war. War den Vorteil hatte, dass man meist ganz entspannt und ohne Drängeln zu müssen durch das gesamte Publikum gehen konnte.

War ich vor einer Woche noch recht skeptisch, und mir sogar ein  bisschen unsicher war, ob ich mir Tickets für das Stuhl-Festival reservieren soll, bin ich doch froh, dass alles so gekommen ist, wie es kam. Die viel herbei gewünschte Normalität, was immer das genau sein mag, ist das Umsonst & Draussen 2021 nicht. Aber für mich, der ich zu dem fast schon elitären Zirkel von Menschen angehöre, die Tickets bekommen haben, war es eine Erweckung aus einem langen Winterschlaf. Und Spaß hat es dazu auch noch gemacht. Schade, dass nicht alle diesen Spaß mitmachen können.

Heute am Samstag bin ich nochmal auf dem U&D. Vielleicht sieht man sich ja.

Blogger, Podcaster, Webentwickler und freier Journalist

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