Simons braves Herz

Seit ein paar Monaten warte ich darauf, dass Blogger, Podcaster und jetzt eben so richtig Liedermacher Simon-Philipp Vogel sein neues Album herausbringt. Vergangene Woche war es dann so weit und ich ausgerechnet auf einer meiner seltenen Reisen — eine persönlich sehr wichtige sogar. Wieder daheim habe ich gleich mit Simon Kontakt aufgenommen, ein paar Mails gingen hin und her — und dann hat mich ein grippaler Infekt auf die Bretter geschickt. Das Album-Release von „Das brave Herz“ hätte für mich zeitlich also kaum schlechter liegen können, aber jetzt kann ich doch mal was schreiben.

Cover "Das brave Herz" von Simon-Philipp Vogel.

Im Sommerurlaub 2024 daheim in Unterfranken begann Simon mit den Arbeiten an dem neuen Album, schrieb er mir. 15 Lieder kamen dabei heraus, Ende des Jahres setzte er sich mit Dennis Schütze zusammen — der wie immer in bewährter Weise mitarbeitete. Sie sortierten aus, verfeinerten, nahmen auf und im März war dann das Album „Das brave Herz“ mit seinen neun Liedern fertig. Die Albumlänge von — mit Rundungsfehler ein oder Sekunden rauf oder runter — genau 30 Minuten ist übrigens ein Zufall, wie Simon mir versicherte.

„Unser Ziel war es, im zweiten Studioalbum an die bekannten akustischen Klänge vom 2023 erschienen Album ‚Lauflieder‘ anzuknüpfen und mit Einflüssen aus dem Synthie-Pop zu ergänzen. Wir wollten moderne Elemente mit den Tugenden der alten Liedermacher verbinden. Wir wollten mutiger in den musikalischen Kontrast gehen, weshalb wir neben einfachen Pfeifen auch mehrstimmige Chöre und neben Kontrabass und Gitarre auch Synthesizer und Stimmmodulation verwendet haben.“

Bevor ich Simon selbst zu Wort kommen lasse, hier meine subjektiven Gedanken zum Album.

  • Schon in den ersten Minuten des Albums schoss mir durch den Kopf: Der ältere Simon-Phillip Vogel klingt dem jungen Reinhard Mey immer ähnlicher. Das mag natürlich meinen noch viel älteren Ohren liegen, aber vielleicht zusätzlich auch noch durch seine ähnliche Art, die Texte in Strophen zu packen, so ein Sprech-Sing-Gesang (bestimmt gibt es dafür einen musikwissenschaftlich viel besseren Begriff).
  • Nicht täuschen lassen: „Eine Liebesgeschichte“ ist ein echt knallhartes Lied. Punkt.
  • Im Vorfeld köderte mich Simon schon damit, dass ein Würzburg-Lied auf dem Album ist. Klappt bei mir immer. „Mein Würzburg“ — nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen … naja … Lied von vor ein paar Jahren — ist ein süßes Lied geworden. Mir fast schon ein wenig zu zuckersüß, auch musikalisch. Aber gut, es macht Spaß, da gemeinsam mit Simon durch seine Stadt zu tanzen.
    Da hätte ich auch eine Frage: Im Refrain kommt die Zeile vor, die ich zumindest so verstehe: „Ein Stern in der Hand *Geräusch*, das Firmament strahlt …“ … was ist das für ein Geräusch?
  • „Lebenswert“ ist definitiv mein Lieblingslied des Albums. „Sei froh, über den Zorn in deinem Bauch …“ … bin ich.
  • Das ganze „Das brave Herz“-Album klingt wirklich gut, für meine Amateur-Ohren; die Instrumente voll und satt abgemischt, aber Simons warme Stimme immer im akustischen Mittelpunkt. Hier und da sind es für mich ein paar Schleifchen und Rüschchen zu viel — und Glockenspiele, aber ich habe auch eine in der Grundschule erworbene Blockflöten-Glockenspiel-Kreuzallergie.
  • Der Titelliste nach dachte ich, auf dem Album sei ein gecovertes Lied. Das stimmt auch, aber nicht das Lied, an welches ich zuerst dachte. Denn „Gekommen, um zu bleiben“ ist von Simon und nicht von „Wir sind Helden“, dafür ist „Das Lied“ im Original von Julia Engelmann (und andere) und nicht von Simon. Und darum nicht im Album enthalten, wenn man es bei Bandcamp kauft. Sonst schon.

Mein persönliches Fazit? Ich verfolge Simons Musik schon über einen langen Zeitraum und „Das brave Herz“ ist eine sehr konsequente Weiterentwicklung des Simon-Philipp-Vogel-Stils, der sich für mich vor allem über die Texte und seine warme Stimme definiert. Mein Lieblingslied von Simon wir nach wie vor das elf Jahre alte „Zoo“ bleiben (auch schon mit Glockspiel 😉 ), aber „Lebenswert“ kommt auch auf meine Dauer-Playlist. Und alle anderen Lieder kann ich gut hören, nicht alle berühren mich persönlich tiefer oder lassen mich in der Küche tanzen — aber das ist natürlich auch immer von der Stimmung und Situation abhängig. Aber wir immer — hört es euch an und entscheidet selbst.

„Das brave Herz“ gibt es auf allen gängigen Streamingportalen — da kennt ihr euch vermutlich besser aus als ich –, ich habe es digital auf Bandcamp gekauft (eben ohne das Lied „Das Lied“), das Lied „Das Lied“ noch einzeln bei 7digital. Ja, ich kaufe Musik wirklich noch, als CD oder digital zum Herunterladen. In der Hoffnung, dass bei den Künstler*innen mehr Geld hängenbleibt und um mich an keine Plattform zu binden.

Wer sich übrigens fragt, warum ich so viel über das Album schreibe — ohne Simon jemals persönlich kennengelernt zu haben (oder Simon, hab ich peinlicherweise was vergessen?), verfolge ich Simons Blog schon sehr lange Zeit, er war für mich „einer von uns“, ein Blogger aus Würzburg, der über seine Leidenschaft Musik und Musikmachen schreibt und dessen Entwicklung, sein Hardern, seine Freude, seine Mühe und seine Erfolge ich und wir alle verfolgen konnten. Und da wurde es mal wieder Zeit, über Simons Musik zu schreiben, gerade auch wegen seines Schritts, das Liedermacherleben ernster zu beschreiten.

Ich hatte Simon gebeten, jedes Lied des Albums kurz zu kommentieren. Und er war so nett, das zu tun. (Das Format habe ich nicht erfunden, es ist mir nur neulich in einem Text über ein Album begegnet, das ich mir gekauft habe, und ich fand das sehr interessant. Und so auch bei Simon.)

Simon-Philipp Vogel über „Das brave Herz“

Midlife Crisis Musik

Während der Produktion durchstöberte ich alte Playlisten und musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass mein Hörverhalten deutlich zeigt, dass ich bald vierzig werde. Ich wollte dieser nahenden Midlife Crisis mit einem munteren, augenzwinkernden Lied begegnen und mich selbst nicht ganz so ernst nehmen.

Eine Liebesgeschichte

In der Popkultur werden Liebesgeschichten in allen Facetten erzählt. Ich wollte eine alltägliche Liebesgeschichte erzählen. Irgendwie ist mir das auch gelungen, aber völlig anders, als ich es selbst erwartet habe. Manchmal sind Dinge eben nicht so, wie sie scheinen.

Das Lied

Das Original von Julia Engelmann und Alexander Zuckowski trudelt fast täglich durch meinen Kopf. In meiner Version sollte die ursprüngliche Dynamik erhalten bleiben, aber durch Synthesizer und einige Samples eine neue Energie bekommen. Der großartige Text und das ikonische Instrumental sollten weiter Dreh- und Angelpunkt sein.

Das brave Herz

Die Welt scheint jeden Tag einen Pulsschlag schneller zu schlagen und es ist verflucht schwer sich von diesem Sog zu entziehen. Alles geschieht gleichzeitig und man fragt sich oft, wo man jetzt eigentlich gerade steht. Das brave Herz ist der Versuch der Entschleunigung und den Blick aufs Wesentliche zu schärfen, ohne dabei zu fordernd zu sich selbst zu sein.

Mein Würzburg

Ich lebe mein ganzes Leben in der Region und hatte zwischenzeitlich keine Freude an der Stadt. Die Residenz war ein Parkhaus, die Festung eine Baustelle und der Main ein Hindernis für das Auto. Seit einigen Jahren habe ich aber meine Heimatstadt wieder richtig ins Herz geschlossen und kann die schönen Flecken ganz besonders genießen. Das Lied beschreibt eine Reise durch die Stadt und der Edelstein am Main sollte gebührend gewürdigt werden.

Gekommen, um zu bleiben

Wir leben in ständiger Veränderung. Ob das gut oder schlecht ist, vermögen wir oft nicht zu beurteilen. Wichtig ist nur, dass wir uns darüber klar sind, dass das Schlechte genauso schnell vergehen kann, wie das Gute und der Erfolg im selben Maße verblassen werden, wie Misserfolg. Es bleibt, wie es ist.

Ich hab’s dir doch gesagt

Das Lied war das einzige, das bereits existierte, bevor ich intensiv am Album gearbeitet habe. Es geht auf einen Artikel zum Thema Kindererziehung zurück, in dem Sätze aufgelistet wurden, die man gegenüber seinen Kindern vermeiden sollte. „Ich hab’s dir doch gesagt“, war einer dieser Sätze. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich das befolgen.

Lebenswert

In einer Zeit, in der sich der gesellschaftliche Diskurs immer mehr radikalisiert und die Mitte langsam verschwindet, ist es schwer den Fokus zu behalten. Ich wollte daran erinnern, dass es gut ist, wenn diese Entwicklung einen aufwühlt und manchmal regelrecht übermannt. Es ist ein gutes Zeichen, wenn dir noch nicht alles gleichgültig ist. Sei dankbar dafür.

Als ob ich ein Kind wär

Einen geliebten Menschen zu verlieren, gehört zu den größten Herausforderungen, die das Leben für uns bereithält. Auch Jahrzehnte später, müssen wir immer wieder feststellen, dass der Verlust ungetrübt ist. Wir dürfen uns aber auch daran erinnern, dass wir selbst entscheiden, wie nah wir uns noch fühlen, auch wenn die tatsächliche Nähe verloren gegangen ist.

5 Gedanken zu „Simons braves Herz“

  1. Schönes Album, soweit ich rein hören konnte. Und ein schöner Einfall mit den kommentierten Songs, sind interessante Einblicke in den Kopf von Simon Phillip!

    Antworten
    • Hi Lars,

      in naher Zukunft sind leider (noch) keine Auftritte geplant. Ich arbeite aber daran mein Musik Projekt auf die Bühne zu erweitern. Sobald es Auftritte gibt, werde ich es aber publik machen 🙂

      Viele Grüße

      Simon

      Antworten
  2. Hi Ralf,

    vielen Dank für die ausführliche Besprechung!

    Wir haben uns tatsächlich einmal gesehen, aber außerhalb der Bloggossphäre. Wir waren vor Jahren mal am selben Gratis Comicbuch Tag beim Hermke. Ich glaube aber, dass du mich nicht zugeordnet bekommen hast. Leider musstest du ja deinen 24 Stunden Podcast seinerzeit krankheitsbedingt absagen, sonst wäre wir in diesem Setting mal übereinander gestolpert 😉

    Dass Zoo schon 11 Jahre alt ist, hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Wird eigentlich Zeit mal die alten Lieder aus der Soundcloud neu aufzulegen 😉

    Viele Grüße

    Simon

    Antworten
    • Ein nachträgliches „Sorry“ von mir für den Gratis Comic Tag damals. Gesichter sind echt so gar nicht meine Sache. :-/ Du erhältst von mir die Erlaubnis, mir sanft auf den Kopf zu hauen oder mich in die Backe zu kneifen, wenn ich dich mal wieder sehe, aber nicht erkenne. 😀

      Beste Grüße! 🙂

      Antworten

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