Rückwirkend war es meine Schuld, ich hätte die Ankündigung aufmerksamer lesen und ihr vor allem glauben müssen. Dann wäre ich am Freitagabend im Chambinzky Hafentheater nicht so überrascht worden. Ich hatte bei „Dracula – Die ganze Wahrheit“ eine humorvolle Adaption von Bram Stokers „Dracula“-Roman erwartet. Was es ja auch war. Irgendwie. Und auch überhaupt nicht.
Dass ich vom Stück überrascht wurde, bedeutet nicht unangenehm überrascht. Ich hatte einfach nicht mit einem durchgeknallten und überdrehten Slapstick-Klamauk gerechnet, bei dem die Dracula-Geschichte über streckenweise kaum eine Rolle spielte. Oft war es eher eine Persiflage und Satire auf das Theater auf und hinter der Bühne an sich, bei dem kaum ein Klischee ausgelassen und auf die Spitze getrieben wurde. Doch letztlich fand auch die Vampir-Geschichte — regional angepasst und wirklich an den Roman und nicht an irgendwelchen Dracula-Filmen angelehnt — ihren Platz in den Verrücktheiten auf der Bühne. Aber auch diese Ebene wurde durch die Klische- und Klamaukmangel gedreht.

Ich könnte jetzt amateurhaft versuchen, die verschiedenen Ebenen und Meta-Ebenen des Stücks aufzudröseln und zu analysieren, aber wozu? Es war einfach ein irrer und irrsinnig lustiger Ritt, auf dem uns das tolle Ensemble mitriss. Wobei es mal so zehn Minuten gab, wo ich dachte, sie überspannen den Bogen und es kippt rettungslos in platten Klamauk um. Das war für mich echt an der Grenze. Aber sie schafften noch die Kurve, zum Glück.
Aus meiner eigenen Kleinkunstvergangenheit weiß ich: Komödiantisches ist echt schwer zu spielen. Wenn man das nicht wirklich gut rüberbringt, geht das ganz schnell so richtig in die Hose, das ist ein ganz schmaler Grat. Aber alle vier Schauspielerinnen und Schauspieler lieferten auf der Bühne des Hafentheaters sehr gut ab — besonders hervorheben möchte ich die wandelbare und ausdrucksstarke Angelina Gerhardt –, was bei dem ganzen Gerenne und Gewusel und Rollenwechseln sicher nicht einfach war. Und die vorübergehende Zweitbesetzung an dem Abend war natürlich ebenfalls außerordentlich — aber das möchte ich hier nicht spoilern. 🙂
Ein sehr lustiger Abend unter dem Kulturspeicher, wir haben sehr viel gelacht. Wer sich „Dracula – Die ganze Wahrheit“ geben will, das Stück wird noch bis zum 2. November gespielt.
