Experimentell und stark gespielt: Lolita strikes back

Gestern war ich im Theater Ensemble. Genauer gesagt, in der neuen alten Studio-Bühne, wo ich mir das Stück “Lotila strikes back” angeschaut habe.

Lolita strikes backNun muss ich gestehen, dass ich den Roman “Lolita” von Vladimir Nabokov nie gelesen habe und die Verfilmung von Stanley Kubrick vor über 20 Jahren gesehen habe. Darum habe ich bestimmt einige Bezüge, Verweise und Anspielungen in “Lolita strikes back” nicht erkannt.

Aber das ist in meinen Augen nicht so wichtig. “Lolita strikes back” ist eher experimentelles Theater, eine wirklich klare Handlung im klassischen Sinn gibt es dort nicht. Es werden Fragmente und Szenen aneinander gereiht, die sich mit der Lolita-Thematik beschäftigen. Von Männern, die sich fast schon poetische-erotische zu jungen Mädchen hingezogen fühlen über das Benutzen von Frauen bis hin zum brutalen und inzestuösen Missbrauch einer Tochter, der an den Fall in Österreich erinnert. Lolita strikes backUnd über allem schwebt die älter gewordene Lolita, die das Geschehen kommentiert.  Schwerer Stoff also, der dem Zuschauer in großen Textflut teilweise bunt, schrill und stellenweise absurd serviert wird. Und wer Probleme damit hat, Worte wie “Ficken” und “Fotze” vorgesetzt zu bekommen, der dürfte bei dem Stück ein paar mal zusammenzucken. Ich habe nicht gezuckt! 😉

Es war für mich ein wenig schwer, dem Stück zu folgen. Leichter ging es für mich nach etwa einer Viertelstunde, als ich nicht mehr nachdacht habe, welche Schauspielerin jetzt wen oder was genau darstellen soll — “Lolita strikes back” muss man einfach geschehen und sich mitreißen lassen. Scheinbar muss man experimentelles Theater auch als Zuschauer erst mal lernen.

Lolita strikes backDas “Mitreißen lassen” wird dem Zuschauer nicht schwer gemacht — die Leistung aller  Schauspielerinnen — Annika Bentele, Christina Miceli, Christina Strobel, Christel Riedel, Denise Wieser, Edith Saldanha und Franziska Wirth — war enorm. Ich würde mir schwer tun, Einzelkritiken zu vergeben, denn es waren nicht nur die einzelnen Künstler, die durch ihr intensives Spiel dem Stück die Wucht verliehen haben, sondern auch das Zusammenspiel des ganzen Ensembles. Da muss ich auch vor Regisseurin Karolin Benker den Hut ziehen, das aus den Künstlerinnen herauszukitzeln.

Auch wenn ich nun eine Nacht über “Lolita strikes back” geschlafen haben, bin ich mir nicht sicher, ob ich das Stück inhaltlich gut oder weniger gut finden soll, vielleicht muss es sich aber immer noch setzen. Auf jeden Fall ich bin aber froh, dass ich ins Theater Ensemble bin, denn alleine die Spielfreude der Schauspielerinnen und die manchmal leicht in den Wahnsinn abgleitende Inszenierung waren es wert. Und ich bin auch froh, dass das Ensemble das Stück gestern auch gespielt hat — was nicht selbstverständlich ist, wenn auf der Bühne mehr Künstler als Zuschauer auf den Sitzen sind.

“Lolita strikes back” ist noch am 7.11., 13.11., 14.11, 08.12, 15.12. und am 16.12.2014 zu sehen. Karten kann man auch online beim Theater Ensemble reservieren.

 

Freakshow- & Charly-Festival

Gestern fand für mich eine Doppelpremiere statt. Ich war zum ersten Mal im Blauen Adler in der Mergentheimer Straße und zum ersten mal beim Freakshow-Festival. Kaum zu glauben, ich weiß, ist aber so.

Freakshow-Festival. Das bedeutet recht abgefahrene, komplexe und experimentelle Musik. Das bedeutet einen buten Haufen abgefahrener, unkomplizierter und experimentierfreudiger Leute. Und das bedeutet einen Charly Heidenreich, der glaube ich wirklich jeden der über hundert Besuchern kennt.

Charly "The running potatoe" Heidenreich
Charly “The running potatoe” Heidenreich

Charly ist das Freakshow-Festival, sein Herz, seine Seele und manchmal auch sein Hirn und kleiner Zeh.

Man muss schon beim Freakshow-Festival selbst dabei sein und erleben, wie Charly Abdeckfolie für die Fenster zuschneidet, CDs verkauft, organisiert, verwaltet, moderiert — und trotzdem noch jeden Gast persönlich und überaus herzlich begrüßt.

Ein paarmal gestern Abend habe ich als Synonym für Charly “The running potatoe” gehört, und wenn ich ihn gestern den ganzen Abend durch den Blauen Adler habe flitzen sehen, weiß ich auch warum — die rennende Kartoffel, logisch! 😉

Modisch hat Charly wieder allen etwas vorgemacht — eine orange Latzhose ohne etwas darunter mit orangen Schuhen kann nicht jeder tragen. 😉

Und wer geht so hin zum Freakshow-Festival? Schwer zu sagen, einen typischen Besucher gibt es so gar nicht. Es war sehr männerlastig, ich schätze mal nur 10 Prozent waren Frauen. Aber unabhängig vom Geschlecht ware von recht jung — geschätzte 16 — bis recht alt — geschätzte 75 — alles vertreten. Auch in Sachen Kleidung und Frisuren war so ziemlich alles geboten. Und Dank einer Umfrage, die eine Band beim Konzert gemacht hat, weiß ich, das etwa 20 Prozent der Freakshow-Gäste nicht aus Deutschland kommt — also auch von den Besuchern ein internationales Festival.

International waren auch die Bands.

Den Beginn machten die Cowboys from Hell aus der Schweiz. Die drei Jungs eröffneten den ersten Festivaltag und haben gleich eine tolle Stimmung in den Blauen Adler gespielt. Saxophon, Bass und Schlagzeug können — mit ein paar obskuren Effektgeräten — eine Menge Spaß machen. Großartiges Konzert, sehr charmante Ansagen in ebenso charmanten schweizerischem Dialekt und ich durfte sie um zwei CDs erleichtern.

Cowboys from Hell
Cowboys from Hell

Den Zwischengang lieferte die Band Nevärlläjf, wo es deutlich gitarrenlastiger wurde. Die lustigen Schweden zogen die Zuschauer in den Bann und jazzrockten, was das Zeug hielt.

Nevärlläjf
Nevärlläjf

Die letzte Band des Abends war Doctor Nerve, die es schon seit 30 Jahren gibt. Aber sie hatten Spaß auf der Bühne, als wären sie auf einem musikalischen Kindergeburtstag. Die Experimental-Rocker waren schrill, freakig, laut, verrückt — und grandiose Musiker. Für mich persönlich die Band des Abends (dicht gefolgt von Cowboys from Hell). Hammerkonzert, der Saal hat getobt!

Doctor Nerve
Doctor Nerve

Ein Schnipsel von Doctor Nerve

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Ein toller Abend! Nicht nur musikalisch, die anderen Gäste waren supernett — obwohl ich vorher nur wenige kannte –, die Stimmung war großartig, der Blaue Adler eine passende Location und hat seinen Job gut gemacht. Ich bin rundum zufrieden nach Hause gegangen, nur mit dem Bedauern, dass ich heute nicht zum zweiten Festivaltag kann.

Aber im nächsten Jahr wird hoffentlich wieder ein Freakshow-Festival stattfinden. Ich glaube an Charly! 🙂

Noch mehr Bilder gibt es auch bei Artrockpics von der sehr netten Monika! 🙂

Fred Frith: Musik aus der Dose, Bürste und Kette

Der Musiker Fred Frith auf Konzert in der Kellerperle. Ein Abend, mal Musik ganz anders zu erleben und bei den Hörgewohnheiten mal den Reset-Knopf zu drücken.

Fred Frith
Fred Frith pinselt die Gitarre

In der Kellerperle spielte am Montagabend der britische Musiker Fred Frith. Obwohl er schon öfter in Würzburg war — schon vor etwa 30 Jahren –, hab ich noch nie die Gelegenheit gehabt, ihn einmal live zu hören. Also bin ich mal hin.

Auf dem Tisch neben Fred Frith sah es aus, als wäre ein Einkaufswagen aus dem Baumarkt in ein Schaufenster eines Musikgeschäfts gerauscht.

Fred Frith
Fred Friths Gemischtwarenladen.

Und der Künstler griff das ganze Konzert über wahllos Gegenstände von dort heraus und probierte aus, was für Töne man der Gitarre damit entlocken kann. Pinsel und Bürsten werden über die Saiten gestrichen, Metalldosen darauf gelegt und mit dem Geigenbogen oder Metallketten bearbeitet, die Tonabnehmer mit unförmigen Eisenteilen oder Stahlklammern aus dem Sado-Maso-Studio bekannt gemacht.

Fred Frith
Fred Frith mit Gitarre, Dose und Bogen.

Fred Frith gab in der Kellerperle den Testpiloten für Gitarren. Wie klingt es, wenn ich beim Spielen die Gitarrensaiten mit einer Schnur wegdehne? Schon gemerkt, dass die Klicken der Glieder einer Kette, die ich langsam in eine Metallschachtel gleiten lasse, ein Geräusch wie ein kleines Schlagzeug macht?

Aus all diesen ungewöhnlichen Tönen und Geräuschen bastelte er mit Hilfe einer Batterie von Effektgeräten beeindruckende Soundräume und Kompositionen.  Ja, auch wenn das alles beim Durchlesen nach einem einzigen großen infernalischen Krach klingen mag, klang es doch Musik. Keine zum Mitsingen — obwohl Fred Frith auch gesungen hat –, aber auf einer tiefen Ebene Musik.

Fred Frith
Fred Frith singt.

Frith wollte nicht, das während des Konzerts fotografiert wird — das Klacken der Kamera hätte auch in einer Atmosphäre gestört, in der die Zuhörer auf jede noch so kleine akustische Nuance gelauscht haben. Darum war ich schon vorher beim Soundcheck in der Kellerperle, um ein paar Bilder zu machen.

Der Vorteil, drei Stunden vor dem Konzert schon da zu sein, war, dass ich dann noch mit Frith, seiner Frau und noch ein paar Leuten der Kellerperle draußen vor der Stadtmensa saß und wir geplaudert haben — ein sehr netter Abend mit netten und unkomplizierten Menschen.

Des Künstlers Essen.
Des Künstlers Essen.

Und ich durfte mal sehen, was Künstler in der Kellerperle vor dem Konzert so zum Essen vorgesetzt bekommen. Und da möchte ich doch fast mal ein Instrument lernen und dort auftreten, um auch so einen Traumsalat aus Sepianudeln und Roter Bete mit einer Himbeeressig- und Walnußölvinaigrette mit Schalotten und frischen Himbeeren zu bekommen.
Ich hab es nicht probiert, aber es sah wahnsinnig lecker aus. 😀

Fred Frith
Fred Frith grinsend nach dem Soundcheck.

Beim Soundcheck sagte Fred Frith, dass er mit 50 Zuhörern ganz zufrieden wäre. Mit den vor mir grob gezählten 90 Besuchern dürfte er wohl noch zufriedener gewesen sein. Die Kellerperle war vor der Bühne gut voll, alle Sitzplätze belegt und an den Seiten drängten sich die Leute, um den Meister bei der Arbeit zu sehen.

Tolles Konzert, toller Abend, ich bin glücklich und zufrieden nach Hause gegangen. 🙂

Als Schmankerl gibt es noch ein Video, das mir gestern nach dem Konzert der Musiker Ralph Nebl empfohlen hat: Der Dokumentarfilm “Rivers And Tides” über den britischen Landartkünstler Andy Goldsworthy, zu dem Fred Frith die Musik machte.

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