Wann ist die Zwiebelkirchweih eine Zwiebelkirchweih?

Wenige Feste in Würzburg sind dermaßen fest in den Kalender getackert wie die Zwiebelkirchweih in der Semmelstraße jedes Jahr am 24. August. Und eines der wenigen Feste mitten in den Sommerferien, wo meist nicht so viel in der Stadt los ist.

Und nur das Sommerloch kann mir den Main-Post-Artikel mit dem Titel „Zwiebelkirchweih in Würzburg ohne frischen Zwiebelkuchen: Wo ist das Lieblingsgebäck der Wallfahrer?“ (€) erklären. Der Artikel geht der Frage nach, ob es am Sonntag dort Zwiebelkuchen geben wird, als ob Wohl und Wehe des Fests davon abhinge.

Als jemand, der seit 31 Jahren in Würzburg nur wenige Zwiebelkirchweihen ausgelassen hat, darf ich aus meiner Sicht sagen: Die Zeiten, dass es wirklich viel Zwiebelblootz auf der Zwiebelkirchweih gab, sind schon sehr lange vorbei, genau wie beim Federweißen. Das habe ich allerdings schon vor fast 20 Jahren festgestellt.

Und an mehr als drei Zwiebelkuchen-Stände zu besten Zeiten kann zumindest ich mich nicht erinnern. Da wurde schon immer etwas mehr Mythos aufgebaut, als es dann war: der erste Zwiebelkuchen der Saison, der erste Federweiße der Saison. Beides stimmte in der Wirklichkeit wohl eher selten, gerade Federweißen gab es schon mehrmals bei der Zwiebelkirchweih überhaupt nicht, und erst recht kein fränkischer.

Und der Zwiebelkuchen als „Lieblingsgebäck der Wallfahrer“? Hat da jemand eine Umfrage gemacht? Ehrlicherweise waren die Kreuzberg-Wallfahrer*innen auf der Zwiebelkirchweih schon immer eher homöopathisch vertreten, kein Wunder nach fast 180 Kilometern Fußmarsch über fünf Tage. Die meisten wollen nach dem Gottesdienst im Dom verständlicherweise einfach nur noch heim. Und ob die übrigen Wallfahrer*innen, die auf dem Fest die Wallfahrt ausklingen lassen, alle unbedingt Zwiebelblootz essen wollen? Ich melde Zweifel an. Und für die restlichen Besucher ist es wohl nicht deren Lieblingsgebäck. Denn ich bin mir sicher — wären die Schlangen an den wenigen Zwiebelblootz-Ständen der vergangenen Jahre endlos lang und dieses Lieblingsgebäck, von wem auch immer, wäre den Verkäuferinnen dort aus den Händen gerissen worden, würden sich findige Gastronomen sicher nicht das Geschäft in diesem Jahr entgehen lassen.

Das Problem der Zwiebelkirchweih ist nicht, ob es dort Zwiebelkuchen geben wird, auch wenn sich beide das Wort „Zwiebel“ teilen. Das Problem ist auch nicht, ob es Federweißen geben wird. Das Problem ist, dass zu wenig Leute zum Fest in die Semmelstraße kommen. Das Problem ist, dass immer weniger gastronomische Betriebe mitmachen. Das Problem ist, dass immer weniger Menschen zum Kreuzberg wallen. Das Problem ist, dass immer wenig Menschen die rückkehrenden Wallfahrer in der Semmelstraße begrüßen, eventuell sogar mit einem Wallsträußle. Das Problem ist, dass immer weniger Menschen nach dem Durchzug in der Semmelstraße bleiben. Das Problem ist, dass all die Probleme zusammenhängen.

Versteht mich nicht falsch. Ich freue mich, wenn es auf der Zwiebelkirchweih Zwiebelblootz gibt. Noch mehr, wenn er ohne Speck ist, dann ess ich ihn als Vegetarier auch. Aber ich freue mich viel mehr, wenn es in Zukunft eine Zwiebelkirchweih ohne Zwiebelblootz geben wird, als wenn es gar keine Zwiebelkirchweih mehr geben wird. Das war mal ein sehr schönes Fest, darum war ich ja so oft dort. Aber ich halte nichts davon, Traditionen künstlich am Leben zu erhalten, bei angeblichen Traditionen noch weniger. Die eigentliche Tradition ist, die Rückkehr der Kreuzberg-Wallfahrer zu feiern. Ob das mit einer Zwiebelkirchweih oder einer Tofukirchweih gemacht wird, es egal.

Ob ich selbst in diesem Jahr zur Zwiebelkirchweih gehen werde, ist noch nicht klar. Das übliche Nach-frühem-Feierabend-Hingehen fällt in diesem Jahr Dank Sonntag aus. Später am Abend vielleicht. Und dann ess ich, was mir schmeckt.

Und ja, dafür, dass ich den Artikel in der Main-Post für eine Luftnummer halte, hab ich ganz schön viel dazu geschrieben. Aber wenn’s halt mal läuft … 😉

7 Gedanken zu „Wann ist die Zwiebelkirchweih eine Zwiebelkirchweih?“

  1. Schon komisch wenn die Mainpost darüber schreibt, aber die nicht zu Wort kommen lässt, um die es eigentlich geht: uns Wallfahrer. Der Zug durch die Semmelstraße ist immer was ganz besonderes und mir geht immer das Herz auf, wenn uns viele Verwandte und Freunde begrüßen. Unbeschreiblich!!! Aber ganz ehrlich: die Zwiebelkirchweih ist vielen Wallfahrern nicht so wichtig. Wir Sie richtig schreiben, die meisten gehen nach dem Gottesdienst (wir wurden vom Bischof begrüßt!) nach Haus und baden ihre Füße in kaltem Wasser. Manche gehen natürlich danach zur Zwiebelkirchweih (ich dieses Jahr auch) und von denen essen manchen bestimmt auch gerne ein Stück Zwiebelkuchen. (ich nicht.) Aber den jetzt zum heiligen Mahl der Wallfahrer hochzustilisieren wie es die Mainpost macht, ist völlig daneben. Ich hatte das Gefühl das schreiben Leute die noch nie auf der Zwiebelkirchweih waren und sich da etwas angelesen hatten. Dass die Zukunft der Zwiebelkirchweih jetzt ein Politikum wird empfinde ich als sehr seltsam. Ich freue mich wenn es eine Zwiebelkirchweih den Wallfahrern zu Ehren geben wird, weil die Leute es von sich aus wollen. Nicht weil sie es machen müssen damit es noch ein Fest in Würzburg gibt. Da soll kein Ausschuss gegründet werden oder Koordinatoren bestimmt werden. Wenn die Wirte in der Semmelstraße Lust darauf haben, dann gern. Wenn nicht, dann eben nicht. Ob es Zwiebelkuchen gibt oder nicht oder ob er nach einer Stunde ausverkauft ist, ist völlig belanglos. Für uns ist das wichtige die Leute in der Straße die uns begrüßen. Und da werden bestimmt immer welche da sein solange es die Kreuzbergwallfahrt geben wird.

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  2. Den Artikel hat ja auch die Luftnummernbeauftragte geschrieben, witzig, dass ich über den Artikel unmittelbar vor dem Lesen deines Blogs gestolpert bin. „Wallfahrer*innen“, eieiei, Ralf.

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